Fernsehen gehört zum guten Ton – Pikante Themen dezent behandelt – Knock out für den Film / Von Michael Davie

Mit dem Artikel unseres Londoner Mitarbeiters leiten wir eine neue Serie ein, in der unsere Korrespondenten „aus den Hauptstädten der Welt“ berichten werden. Nachdem zu immer mehr Ländern immer bessere Verbindungen wieder (oder neu) hergestellt sind, erschien es uns immer weniger sinnvoll, über Einzelereignisse aus dem kulturellen Leben von (knapp gerechnet) dreißig Kulturstaaten zu berichten. Warum zwanzig Zeilen für ein Konzert aus Rom und kein Wort über ein wichtiges Theaterstück aus Tokio? Warum von einer Ausstellung in New York Notiz nehmen und nicht von einer vielleicht viel wichtigeren in Ottawa? An die Stelle solcher kultureller Auslandsberichte alten Stils sollen diese zusammenfassenden Überblicke unserer Korrespondenten treten und Auskunft geben auf Fragen wie: „Worüber reden jetzt die Leute, die am geistigen Leben teilnehmen, in Ihrer Stadt (von politischen und wirtschaftlichen Ereignissen abgesehen)?“ – „Was ist in den letzten Monaten geschehen?“ – „Was hat große Aufmerksamkeit erregt?“ – „Was halten Sie für besonders wichtig?“ – Wir dachten dabei vor allem wohl an Theateraufführungen und Konzerte, an neue Bücher und Ausstellungen – aber keineswegs nur daran. Die Auswahl muß dem Berichterstatter überlassen bleiben; denn schließlich ist auch sie typisch – wie dieser Bericht deutlich zeigen kann.

Gerade haben zwei schmucke amerikanische Zeitschriften Sondernummern herausgebracht über England. Was für ein großartiges Land das doch offenbar noch ist! Da sehen wir Engländer uns, in schwarzer Melone, auf den von unseren Luxusappartements herabführenden Treppenfluchten damit beschäftigt, rote Nelken in die schwarzen Knopflöcher unseres Fracks zu stecken. Da lassen wir uns bei den besten Schneidern der Welt kostbare Anzüge machen und bezahlen dafür fünfzig altehrwürdige Guineen (etwa 600 Mark). Da tanzen wir in der vollen Kriegsbemalung des perfekten Gentleman unter den kolossalen Lüstern im dunkelgetäfelten Saal eines schloßartigen Landhauses. Da sitzen wir im grauen Zylinder und schlürfen Champagner am Rande des grünen Rasens, auf dem weißgekleidete Knaben Kricket spielen.

Tatsächlich gibt es all das noch, manchmal. Aber eigentlich ist es doch schon nicht mehr wahr. Im britischen Pavillon auf der gerade eröffneten Brüsseler Weltausstellung liest man’s anders. Dort wird den Besuchern das England der Ausstellungsplaner vorgeführt: das von einem mächtigen Volk bewohnte Land der uralten Traditionen, wo Düsenflugzeuge und Kernreaktoren von neuer Kraft künden, mit der ein neues Zeitalter sich Bahn bricht, und wo dennoch die von alters her geheiligten Mächte des Thrones, des Gesetzes und des Parlaments nach einer englischen Geheimformel dem modernen Leben angepaßt worden und auf höchst dekorative Weise wirksam sind. Und das alles – stimmt auch nicht.

Schaun wir uns an, wie wir wirklich sind. Suchen wir festzustellen, was uns in den letzten Monaten besonders beschäftigt und interessiert hat. „Wir“ – das sind die Londoner, das sind die Engländer, das sind eigentlich alle Bewohner dieser Inseln; denn was die Londoner heute bewegt, das bewegt die anderen spätestens morgen.

Richtige Sorgen haben wir kaum. Noch nicht zwei von Hundert sind arbeitslos. Die Wasserstoffbombe führte in den Ostertagen zu einen Protestmarsch von London nach einem achtzig Kilometer entfernten Kern-Forschungs-Zentrum – ein Protest, der zwar die Reporter und Leitartikler unserer Zeitungen intellektuell, aber (wenigstens an einem der drei Tage) nicht mehr als fünfhundert Teilnehmer physisch bewegte.

Ein Streik der öffentlichen Verkehrsmittel droht – doch wir sind ohne größere Streiks ganz gut durch den Winter gekommen. Sowohl Feldmarschall Montgomery wie Sir Winston Churchill versichern uns, es werde keinen Krieg geben. Zwar wissen wir, daß dauernd Flugzeuge mit Wasserstoffbomben über uns fliegen und daß wir bald auch große Raketenabschußbasen haben werden – aber merkwürdigerweise machen wir uns wenig daraus.