Von Günter Dahl

In unserem Kinderzimmer riecht es seit Ostern nach Leder. Der nußbraune Schulranzen und die Tasche für das Frühstücksbrot hängen am Bettpfosten, dicht neben Renates Kopfkissen. Unsereiner könnte nicht schlafen, so durchdringend riecht es. Aber sie kann. Ihr Mund ist ein wenig geöffnet, sicherlich träumt sie.

Dies ist nun die letzte Nacht ihres Lebens ohne Pflichten. Was morgen beginnt, endet erst, wenn sie eine Frau mit weißen Haaren ist und wenn alles zu Ende geht. Morgen geht sie zur Schule...

Tags darauf sind wir früh unterwegs, aber die Schultüte bleibt zu Hause. Meine Tochter begreift das ohne lange Erklärungen. Scholzens, die uns gegenüber wohnen, konnten ihrem Klaus-Peter keine kaufen. Wir machen das mit der Schultüte nachher, wenn wir wiederdaheim sind.

Den Rektor kenne ich von der Anmeldung her, ein Mann von vierzig, braungebrannt und lustig. Er steht in der Tür der Schule. Sollen wir nun hineingehen? Ich bin so verlegen wie vor dem Tor einer Behörde. „Kommen Sie nur“, winkt der lustige Rektor, „Renate ist ja nicht die einzige. Wir haben 21 Jungen und 21 Mädchen in der Anfängerklasse.“

Meine Tochter hält meine Hand ganz fest. Neben dem Rektor steht eine junge, nett angezogene Frau. „Komm“, sagt sie, „ich bin deine Lehrerin und bald auch deine Freundin.“ Ich merke wie meine Hand losgelassen wird.

Meine Tochter sieht mich an, so richtig vernünftig und liebevoll, als ob sie mit ihren sechseinhalb Jahren verstünde, was jetzt alles mit diesem Burschen, der ihr Vater ist, unmerklich geschieht. Zwar bin ich sie nicht los, meine Tochter, aber ich habe sie auch nicht mehr allein. Da geht sie die Treppe hoch, mit der netten jungen Lehrerin, mit anderen Kindern, die ebenso klein sind wie sie, und mit Anke Trautmann aus der Klasse 4B, einer kleinen Dicken mit Brille; Das ist also das Mädchen, das vor fünf Tagen einen mit schönen Zeichnungen versehenen Brief schrieb, Renate möchte heute um elf zur Schule kommen, dort würde sie von vielen Kindern erwartet werden, zu Ostern 1958.