Das Jahr 1957 war Für die westdeutsche Rundfunk- und Fernseh-Industrie wiederum ein Rekordjahr. 1956 überschritt der Produktions wert von Rundfunk- und Fernsehgeräten zusammen zum erstenmal die Milliardengrenze. 1957 stieg er weiter auf 1,243 Mrd. DM, also rund 18 v. H. mehr als 1956. Hinter dieser stetigen Marktausweitung steckt jedoch nicht eine überall gleichmäßige Zunahme der Nachfrage. Daß 1956 die Nachfrage nach Rundfunkgeräten noch stark inhielt, war schon eine Überraschung. Selbst mancher Produzent hatte bereits für 1956 einen Absatzrückgang von Rundfunkgeräten erwartet, weil eben das zunehmende Fernsehgeschäft nicht spurlos am Rundfunkgerätemarkt vorübergehen kann. Aber erst 1957 trat ein leichter Produktionsrückgang bei Randfunkgeräten aller Art (einschl. Kombinationen mit Phono) ein, und zwar von 3,865 auf 3,850 Mrd. DM. Dieser Rückgang um knapp ein halbes Procent ist angesichts der kräftigen Produktionszunahme an Fernsehgeräten erneut überraschend. An Rundfunk-Tischgeräten wurden jedoch im vergangenen Jahr schon etwa 200 000 Stück weniger produziert als 1956. Dieser empfindlich starke Rückgang wurde aber erfreulicherweise durch eine größere Nachfrage nach Musiktruhen und Koffergeräten fast aufgewogen.

Im Rundfunkgeräte-Geschäft der ersten drei Monate dieses Jahres setzte sich die bisherige Tendenz insoweit fort, als sich die Nachfrage na<h Koffergeräten weiter belebte. Im Januar wurden nahezu fünfzig und in Februar fast 100 v. H. mehr Koffergeräte produziert als in den Vergleichsmonaten 1957. In der Produktion von Truhen ist allerdings im ersten Quartal 1958 ebenso ein Rückgang zu bemerken wie bei den Tischgeräten der höheren Preisklassen! Bei den Rundfunk-Tischgeiäten in den Preisklassen bis zu 250 DM ist dagegen die Produktion stark angestiegen. Es scheint sich also eine Entwicklung fortzusetzen, die bereits 1956 zu beobachten war: daß das zunehmende Fernsehgeräte-Geschäft in erster Linie den Absatz von teuren Rundfunkgeräten beeinträchtigt. Der sogenannte „wertige“ Kauf erstreckt sich heute also vorwiegend auf Fernsehgeräte und Truhen. Der Käufer von Rundfunk-Tschgeräten verhält sich dagegen in vielen Fällen so, als ob er schon mit dem Gedanken spielt, sich in absehbarer Zeit auch ein Fernsehgerät anzuschaffen. Der stark zunehmende Absatz von Tischgeräten der niedrigen Preisklassen deutet ferner an, daß eine gewisse Sättigung des Rundfunkgeräte-Marktes eingetreten ist. Es nimmt die Zahl jener Haushalte zu, in denen jetzt Zweitgeräte – und das sind meist Kleingeräte – aufgestellt werden. Die Entwicklung von technisch einwandfreien und in ihren Formen ansprechenden preiswerten Kleingeräten begünstigt diese Entwicklung zum zweiten Rundfunkgerät. Wird weiter berücksichtigt, daß in der Vergangenheit jährlich etwa 10 v. H. aller in Betrieb befindlichen Rundfunkgeräte durch neue ersetzt wurden und daß auch die Zahl unserer Haushalte noch zunimmt, so scheint die Erwartung der Rundfunkindustrie, 1958 noch immer 3,3 bis 3,4 Mill. Rundfunkgeräte abzusetzen (einschließlich Export), durchaus realistisch zu sein. Der Absatzrückgang würde also gegenüber 1957 nur eine halbe Million betragen. Das wäre ein Ausfall, den der steigende Absatz von Fernsehgeräten verschmerzen ließ. Allerdings darf die Rundfunkgeräte-Industrie dabei nicht übersehen, daß der Umsatzrückgang im Rundfunkgeräte-Geschäft stärker ins Gewicht fallen wird, als die Stückzahl erkennen läßt, weil eben in zunehmendem Maße Kleingeräte verlangt werden.

Was das Fernsehgeräte-Geschäft angeht, so hofft die Industrie, die schwerste Zeit hinter sich zu haben. Man glaubt nämlich auch hier an die Gültigkeit jenes Millionärs-Spruches, daß die erste Million immer die schwerste sei. 1956 stellte die westdeutsche Fernsehgeräte-Industrie 595 000 Fernsehgeräte her, 1957 waren es bereits 808 000. Für dieses Jahr richtet sich die Industrie auf den Inlandabsatz von etwa eine Million Geräte ein und rechnet damit, daß im Herbst die Zahl der westdeutschen Fernsehteilnehmer die Zwei-Millionengrenze erreichen wird. Diese sehr optimistisch erscheinende Prognose stützt sich auf Erfahrungen in den Vereinigten Staaten und in England. Sobald die Zahl der Fernsehteilnehmer in einem Land etwa 1 Million beträgt, setzt eine starke freiwillige Mund-zu-Mund-Propaganda ein, die mit einemmal das Fernsehen als etwas Selbstverständliches hinstellt.

Auf der Messe in Hannover ist ein geschlossenes Angebot der Rundfunk- und Fernsehindustrie zu erwarten. Da 1958 keine besondere Rundfunk-Ausstellung vorgesehen ist, wird Hannover schlechthin die repräsentative Veranstaltung der Branche sein. Für Fernsehgeräte ist Hannöver auch eine Gelegenheit, Neuheiten zu zeigen. Bei Rundfunkgeräten – mit Ausnahme von Koffergeraten – bleibt dagegen der 1. Juli der Neuheiten-Termin. Technische Veränderungen sind ohnehin bei Rundfunkgeräten nicht mehr zu erwarten. Die Techniker arbeiten jetzt vornehmlich daran, die Herstellung von Rundfunkgeräten zu rationalisieren und – soweit es möglich ist – zu automatisieren. In vielen kleineren Rundfunkgeräten und auch in mehreren Fernsehgeräte-Typen werden nur noch gedruckte Schaltungen verwendet. Selbst das Verlöten der Kontaktstellen in der gedruckten Schaltung geschieht mehr und mehr automatisch im Tauchlöt-Verfahren. Bei Telefunken wird daran gearbeitet, die Chassis mit gedruckter Schaltung künftig mit elektrischen Teilen zu bestücken.

Überraschende Neuheiten sind aber selbst bei den Fernsehgeräten nicht zu erwarten. Die Gehäuse werden sich den Geschmacksveränderungen anpassen, ebenso aber der Tatsache Rechnung tragen, daß der Kreis von Käufern größer wird und damit auch die Geschmacksbreite zunimmt. Es werden also Gehäuse zu erwarten sein, die dem modernen Geschmack entsprechen, und andere, die sich durch eine gewisse konservative Form auszeichnen. Die supermoderne Form wird offensichtlich weiterhin nur von der Firma Braun gepflegt. Es scheint also die Nachfrage nur so groß zu sein, daß ein Hersteller sie befriedigen kann...

In technischer Hinsicht wird der Bedienungskomfort zunehmen, die Bedienung aber auch vereinfacht sein. Etwas kleiner geworden sind die Geräte schon im vorigen Jahr durch die Konstruktion der abgewinkelten Bildröhre. Der Kolben der Bildröhre wurde kürzer, so daß die Geräte nicht mehr so tief sind. An dieser Entwicklung wird weitergearbeitet; jedoch ist die um 110 Grad abgewinkelte Bildröhre (bisher beträgt die Abwinkelung 90 Grad) auf dieser Messe noch nicht zu erwarten.

Die Preise werden wahrscheinlich keine nennenswerten Veränderungen erfahren. Die Auflage größerer Serien brachte den Herstellern einen Ausgleich für gestiegene Material- und Lohnkosten. Bemerkenswert ist, daß einige Firmen in diesem Jahr keine Tischgeräte unter 800 DM anbieten werden, während von anderen Produzenten das Angebot billiger „Regional-Empfänger“ erwartet wird. Von jenen Firmen, die die Produktion ihrer billigsten Geräte auslaufen ließen, ist zu erfahren, daß die Nachfrage nach diesen Fernsehapparaten nicht groß gewesen sei. Die meisten Käufer von Fernsehgeräten betrachteten den Kauf als eine Art Investition und gingen davon aus, daß es in erster Linie auf eine gute technische Ausstattung ankomme, für die sich ein Mehrpreis durchaus bezahlt mache. Oder sprach auch die „Sucht nach Repräsentation“ hier mit...? K.D.