Meersburg, im April Den Antrag eines Gastronomen, der in Meersburg ein Nachtlokal eröffnen wollte, hat der Gemeinderat abgelehnt. Meersburg wird also auch weiterhin „nachtlokalfrei“ bleiben. Für den Gemeinderat war es eine „Gewissens- und Grundsatzfrage“, und man hat lange beraten. Die Mehrheit im Gemeindeparlament befürchtete, daß die Genehmigung eines einzigen Nachtlokalantrages eine Kettenreaktion von Konzessionsgesuchen auslösen könnte. Der Nachtbetrieb aber lasse sich mit dem Charakter der Stadt nicht vereinbaren. Es bleibt also dabei: In Meersburg ist um 30 Minuten nach Mitternacht Polizeistunde.

Bei einem der letzten Fastnachtsumzüge amüsierten sich die Überlinger besonders über einen Wagen mit der Aufschrift „Nachtleben in der Überlinger Hochsaison“. Symbol des Überlinger Nachtlebens war ein Mann, der friedlich in einer Badewanne ruhte. Das beschauliche „Nachtleben in der Badewanne“ hatte noch einen weiteren Untertitel: „Solche Opfer bringen die Seebewohner für ihre Gäste.“ Eine Anspielung auf die Fähigkeit der „Seehasen“, aus jeder Liegestatt ein „Fremdenbett“ zu machen. Aber das scheint eine „unterbringungstechnische“ Notwendigkeit zu sein, wie aus den Statistiken des Internationalen Bodenseeverkehrsvereins hervorgeht. Die Zahlen der Gäste-Übernachtungen bewegen sich seit einigen Jahren um die drei Millionen. Drei Viertel davon bleiben am deutschen Ufer. In das restliche Viertel teilen sich die Schweizer und die Österreicher.

Das Meersburger Nachtlokal verbot und der „Mann in der Badewanne“ im Überlinger Fastnachtszug sind im gewissen Umfang kennzeichnend für das ganze Bodenseegebiet: Eine Masseninvasion von Feriengästen und Touristen während der Saison – aber ohne unangenehmen Klamauk. Die Nächte am See sind „von Natur aus“ schön genug, als daß sie durch Neon und Flitter attraktiv gemacht werden müßten ...

Und die Tage? Sie sind wahrhaftig bunt und bewegt. Zwar preisen Orte am See „die Ruhe und das herzhaft einfache Leben“, aber Werbeprospekte sind nun einmal zwangsläufig „einseitig“. Das „herzhaft einfache Leben und die Ruhe“ sind nur eine Seite des großen Ferienparadieses. Am Bodensee brodelt es während der Saison. Manchmal könnte man meinen, alle Omnibus-Unternehmer Europas hätten das „Dreiländer-Meer“ zum Ziel einer Sternfahrt gemacht. Autoschlangen vor den Fährhäfen, überfüllte Dampfer, bunte Wimpel, Musik, Kindergeschrei und klickende Photoapparate, die idyllische Seewinkel, Möwen oder die schneebedeckten Alpengipfel im Süden „festhalten“, gehören zur Bodenseesaison. Es kostet wirklich wenig Überwindung, diesem „Karussell der Ferienfreude“ eine heitere Seite abzugewinnen. Die Sonne ist so südlich, daß die Eisstände, Limonadenbuden und Andenkenkioske ihren Schrecken verlieren.

Außerdem: Am Bodensee gibt es beides, Urlaubs-Ausgelassenheit im Touristenstrom bei einer Fahrt am blühenden Seeufer entlang über Überlingen, Uhldingen, Meersburg, Friedrichshafen, Langenargen, Kreßbronn, Nonnenhorn, Wasserburg nach Lindau. Und „Oasen der Stille“. So der verträumte Untersee. Ein farbloser Name für diesen „kleinen Bruder des Bodensees“. Ganz ohne „Attraktionen“ ist die Untersee-Landschaft, dafür „nur“ bunte Wiesen, Rebgärten, hohe Laubwälder, stille Wanderwege von einem Dorf zum nächsten Gehöft, Seeluft und der Geruch trocknender Fischernetze – und frisch geteerter Boote. Keine Komfort-Hotels, dafür kleine saubere Gasthöfe. Ein Paradies, das sich von Radolfzell über Horn bis Stein am Rhein hinzieht. Maler und Dichter wurden davon angezogen und nicht mehr losgelassen. „Besinnliche Erzähler“ und Lyriker sind es vor allem, die an den Gestaden des Untersees „hängengeblieben“ sind, kaum ein Dramatiker ist darunter.

Ländliche Stille, einsame Uferwege, menschenleere Buchten und kahle Plätze gibt es am Bodensee noch überall – nicht nur am Untersee –, wenn man von den großen Straßen abbiegt. Die Naturschutzbehörden sind in Sorge, ob das auch in Zukunft so bleiben wird. Nicht nur durch gewisse Industrialisierungstendenzen, besonders durch den bevorstehenden Ausbau des Hochrheins von Basel bis Konstanz zur Großschiffahrtsstraße, sondern auch durch den starken Drang privater Bauherren zu den Ufern des Bodensees gerät die Ursprünglichkeit der Seelandschaft in Gefahr.

„Wir müssen unter allen Umständen verhindern, daß der Bodensee in zehn bis fünfzehn Jahren vollständig von Villen, Wochenendhäusern und Fabrikanlagen eingerahmt ist“, warnt die Konstanzer Kreisstelle für Naturschutz und Landschaftspflege. Auch Phantasie-Grundstückspreisen, die lüsterne Käufer bieten, dürfe die Bodenseelandschaft nicht geopfert werden. Man will erreichen, daß die noch unbebauten Gebiete in der achtzig Kilometer langen Bodensee-Uferzone des Landkreises Konstanz unter Naturschutz gestellt werden, und hofft, daß die anderen Seeanlieger diesem Beispiel folgen. Zwar stehen die noch freien Uferstrecken größtenteils schon unter Landschaftsschutz, aber die in diesen Fragen uneinheitliche Rechtssprechung erkennt vielfach nur für Naturschutzgebiete eine strikte Bausperre an. In Konstanz wird deshalb vorgeschlagen, eine Art Bestandsaufnahme der Landschaft zu machen, die geschützt werden soll.