Bei meinen Auslands- und Überseereisen habe ich immer eine Erfahrung machen können, die sich als ein sehr wesentliches Kriterium der Beurteilungsfähigkeit wirtschaftlicher Erscheinungen in einem fremden Land erwiesen hat: Je besser es gelingt, sich von den Detailproblemen zu lösen (sie also höchstens im Unterbewußtsein mitschwingen zu lassen), um so konkreter und plastischer schälen sich die wesentlichen Fragen heraus.

Unter dieser Methodik der klaren Trennung wesentlicher und unwesentlicher (nicht gravierender) Vorgänge habe ich – in meiner Eigenschaft als Aufsichtsratsvorsitzer der Deutschen Messe- und Ausstellungs-AG – bewußt auch meine achtwöchige Reise durch Brasilien, Uruguay, Argentinien, Chile, Peru, Ecuador, Columbien, Venezuela und Mexico durchgeführt. Ich muß sagen, daß die Impressionen an Ort und Stelle sehr schnell die Fülle des vor dem Reiseantritt angeeigneten „wissenswerten Stoffes“ in den Hintergrund treten ließen, weil erst das unmittelbare Zusammentreffen mit dem Lateinamerikaner, das Gespräch von Mensch zu Mensch, die wirtschaftlichen Perspektiven in die richtige Beleuchtung brachten.

Wir geraten zu leicht in Gefahr, Berichte von drüben mit unseren eigenen Maßstäben zu werten. Ein typisches Beispiel dafür wäre das Gerede von der Inflation in Lateinamerika. Sicherlich muß zugegeben werden, daß die Prozentsätze der jährlichen Steigerung der Lebenshaltungskosten im Verlauf des letzten Jahrzehnts in allen Ländern nicht unerheblich sind, sie liegen in Chile bei 36 v. H. und in Argentinien bei fast 20 v. H. Aber man tut gut daran, erstens zu prüfen, wie weit das eine uns nicht berührende Kritik unbefriedigter Oppositionskreise gegen die jeweilige Regierung ist, zum anderen sollten wir wissen, daß nirgends eine Inflation etwa nach unserem speziellen deutschen Erfahrungsgut besteht. Zugegeben: Das Geld- und Kreditvolumen ist sicherlich aufgebläht, aber keine der lateinamerikanischen Notenbanken hat die Kontrolle über die Währung und das Kreditwesen bisher verloren.

Ich las in diesen Tagen in einem Bericht der amerikanischen Zeitschrift „Fortune“, daß die Industrieerzeugung Lateinamerikas in den letzten 17 Jahren um rund 175 v. H. gestiegen sei, und während noch in den Jahren 1925 bis 1929 rd. die Hälfte der Investitionen aus importierten Kapitalgütern bestand, wäre dieser Anteil im Zeitraum von 1952 bis 1957 auf 27 v. H. zurückgegangen. Das ist nicht verwunderlich angesichts des Bestrebens der Regierung jedes lateinamerikanischen Staates, die Industrialisierung um jeden Preis voranzutreiben, wobei oftmals das Industrialisierungstempo, gemessen an der Leistungsfähigkeit der jeweiligen Volkswirtschaft, übersteigert wird. Bisweilen sind auch Produktionsstätten errichtet worden, für die keine vernünftigen und aus wirtschaftlichem Denken zu gewinnenden Voraussetzungen erkennbar sind.

Das wird nicht mit dem Unterton einer etwa überheblichen Kritik gesagt, zumal sich immer noch gezeigt hat, daß diese „Autarkietendenzen“ den Import von Kapitalgütern aus Europa keineswegs entscheidend gehemmt, sondern in den einzelnen Bereichen – im Sinne einer Verfeinerung des Einfuhrbedarfs – nur verlagert haben. Immerhin steht die Bundesrepublik – nach den USA – heute an zweiter Stelle unter den Lieferanten Lateinamerikas. Auch im vergangenen Jahre hat der westdeutsche Handel mit Lateinamerika insoweit einen günstigen Verlauf genommen, als sowohl die Ausfuhr als auch die Einfuhr gegenüber 1956 weiter anstiegen, der deutsche Export sogar in viel stärkerem Maße als der deutsche Import.

Dadurch hat sich der deutsche Passivsaldo innerhalb eines Jahres (1956–1957) auf rd. 100 Millionen$ verringert, wenngleich nicht verkannt werden soll, daß diese Reduzierung des deutschen Passivsaldos teilweise eine Folge des Preisabfalls für lateinamerikanische Landesprodukte, vor allem für Rohstoffe, ist.

Dies ist eines der Themen, das auf der Arbeitskonferenz des Lateinamerika-Tages am 2. Mai in Hannover zur Diskussion steht, nämlich: ob eine weiter anhaltende Rohstoffpreisbaisse, die ihren Niederschlag in einem immer geringer werdenden Devisenaufkommen finden muß, die deutschen Ausfuhrchancen beträchtlich stören kann und ob die Skeptiker recht behalten werden, die da meinen, nun stände man am Beginn einer kräftigen Schrumpfung des deutschen Handelsvolumens.