Waisenerziehung in der Großfamilie – Idealisten, „Mütter“ und eine vermögende Gönnerin

L. W., München

Verlassenen Kindern, die niemand mehr haben will, wieder eine bleibende Heimat, eine Mutter und eine Familie zu geben – das ist die Aufgabe der SOS-Kinderdörfer in Europa. Hier finden die Kinder, die herumgestoßen werden, die von Pflegestelle zu Pflegestelle geschickt werden, wieder ein richtiges Zuhause. SOS-Kinderdörfer nach dem Vorbilde des berühmten ersten Dorfes in Imst in Tirol werden nun auch in Deutschland gebaut. Das erste soll in Diessen am Ammersee entstehen. Im Namen der verlassenen Kinder bitten wir Sie herzlich: Helfen Sie, damit dieses Dorf der Kinder gebaut werden kann!“

Dieser Aufruf lag vor drei Jahren in einer Anzahl Münchener Briefkästen – unterschrieben von zehn Bürgern der Landeshauptstadt. Die „Münchner Zehn“ wollten dem Werk des österreichischen Menschenfreundes Hermann Gmeiner auch in Deutschland eine Heimstatt geben. „Sollen wir uns vom Opfersinn der Österreicher beschämen lassen?“ fragten sie. Und sie gingen daran, eine deutsche SOS-Kinderdorfvereinigung ins Leben zu rufen, die in der Bundesrepublik das gleiche erreichen sollte, was in Imst, am Traunsee und bei Brixen schon segensreiche Wirklichkeit geworden ist.

Hermann Gmeiner, jener Voralberger, der sein Leben den Kindern gewidmet hat, seitdem er in Rußland von einem Dreizehnjährigen vor der Erschießung gerettet wurde, übernahm den Ehrenvorsitz. Heute umfaßt die deutsche Vereinigung fast fünfundzwanzigtausend Mitglieder, die mit ihren regelmäßigen Scherflein dazu beitragen, daß auch die Bundesrepublik ein Kinderdorf-Land wird.

Dennoch hätte es wohl noch eine Weile gedauert, bis genügend Geld für den Bau des ersten Dorfes in der Kasse gewesen wäre. Da aber entstand den Kinderdorf-Idealisten eine geheimnisvolle Helferin. Eine vermögende Dame, die ungenannt bleiben wollte, stellte eine beträchtliche Summe zur Verfügung. Unter einer Bedingung allerdings: daß mit dem Bau des ersten deutschen Kinderdorfes sofort begonnen würde ...

Die junge Organisation setzte alles daran, diese Bedingung zu erfüllen. Am Südende des Ammersees, bei dem reizvollen Marktflecken Diessen, fand sie das Idealgelände, dazu einen fortschrittlichen Bürgermeister und einen großzügigen Landrat. „Am Vogelhang“ heißt der Wiesenhang über dem See – 25 000 Quadratmeter Land mit einem herrlichen Blick auf die Alpenkette.