Fanfaren und Schalmeien – antinuklear gestimmt

Von Josef Müller-Marein

Er stand vor seines Rathaus’ Zinnen und schaute mit bewegten Sinnen auf die vereinten Massen hin; blauäugig, wie immer, doch aufgereckt wie selten: ein verehrenswerter Mann. Ja, verehrenswert – daß es von Anfang an und mit Nachdruck gesagt sei! Und keiner soll argwöhnen, dies sei ironisch gemeint.

Er ist verehrungswürdig, dieser Hamburger Bürgermeister Max Brauer. Denn guter Wille beseelt ihn, und nichts hat er bisher mit seinem Leben geschehen lassen, was nicht die Achtung seiner Mitbürger verdiente. Hier aber stand er vor den Mikrophonen, und vor ihm, auf dem weiten Rathausplatz, brodelte die Volksmenge. Kopf an Kopf.

„Schirmherr“ Max Brauer

Es war am Donnerstag, dem 17. April. Und es entwickelte sich die mittlerweile in aller Welt bekanntgewordene Kundgebung, die der „Arbeitsausschuß ‚Kampf dem Atomtod‘ “ organisiert hatte. Hunderttausend, nach anderer Version sogar einhundertfünfzigtausend! Eine Schalmeienkapelle spielte, als sei schon Erster Mai. Plakat-Inschriften ragten hervor, unter denen einige waren, die Max Brauer ganz gewiß nicht gebilligt, geschweige denn selbst entworfen hatte. Dennoch: Schirmherr Max Brauer...

Gibt es einen ärgerlicheren Satz als den, daß der Zweck die Mittel heilige? – Es trifft sich, daß Max Brauer nicht nur der Freien und Hansestadt, sondern auch der Hamburgischen Hochbahn-AG (HHA) vorsteht. Doch hätte es sich treffen dürfen, daß die Hoch- und Straßenbahnen Dreiviertelstunden just zur Zeit der Kundgebung streikten? Es war ein bezahlter Streik, denn niemandem der Streikenden wurde etwas abgezogen; es war kein Streik um Geld; es war ein zweckentfremdeter Streik; ein Mittel zum Zweck ... der Kundgebung. Und danach sah die Sache denn auch aus. Die einen versammelten sich auf dem Rathausplatz, da sie eh’ nicht wegkamen aus der Innenstadt, die in Hamburg City heißt; die anderen bahnten sich ärgerlich oder gar fluchend den Weg durch die Menschenmenge; und Pfiffige – Besitzer einer Wochenkarte – fuhren Taxi und reichten der HHA hinterher die Rechnung ein: Da sie, die HHA, zur Beförderung der Passagiere gegründet und verpflichtet, dieser Pflicht jedoch nicht nachgekommen sei, erlaubten es sich die Betroffenen (und juristisch einigermaßen Versierten), hiermit die Rechnung der Kosten für das Ersatzfahrzeug zur gefälligen Rückerstattung einzureichen. Siehe Anlage und summa summarum beispielsweise achtzehn Mark fünfzig ...