Im Elsaß ist ein Streit um den Deutschunterricht ausgebrochen, der nirgendwo stärkeren Widerhall findet als an der Saar, wo man Grenzprobleme ja aus der Erfahrung am eigenen Leibe kennt. Die meisten saarländischen Zeitungen haben ausführlich darüber berichtet und mit sicherem Blick das Wesentliche herausgegriffen: Als ein angeblicher Kampfbund für unabhängiges Deutschland (von Paris aus!) ein in nationalsozialistischem Jargon gehaltenes Flugblatt ausschickte, das vom „degenerierten Frankreich“, vom „französischen Bettlerbrot“, aber auch vom „deutschen Helden“ sprach und das die Drohung loslies: „Heute haben wir schon so viel Macht und Mittel, um euch, die Elsässer, zu belohnen, so oder so!“ da stellten die saarländischen Blätter sofort die richtige Frage: Cui bono? Wem nützt es?

Es war offensichtlich, wem es nützen konnte: erstens den Kommunisten, die, wie einst an der Saar, noch aus der Zwietracht Gewinn zu ziehen hoffen, zweitens aber jenen französischen Nationalisten, denen daran gelegen sein mag, absterbende Ressentiments zu schüren – keinesfalls aber den Elsässern. Daß kein Deutscher das Flugblatt verfaßt haben konnte, war klar. Zu zahlreich sind die Sprach- und Schreibfehler dieses Machwerks!

Das Flugblatt ist aber nur eines der Mittel – freilich ein sehr übles –, die im „Schulkampf“ benutzt werden. Worum geht es? Im Elsaß haben die Eltern wieder einmal darüber abgestimmt, ob ihre Kinder in der Volksschule Deutsch-Unterricht erhalten sollen. Als die Frage 1953 zum erstenmal gestellt worden war, hatten achtzig Prozent der Eltern dafür gestimmt. Seither hat sich das Ergebnis dieser Befragung, die nach dem Ministerialerlaß vom 18. Dezember 1952 alljährlich wiederholt wird, auf neunzig v. H. für den Deutsch-Unterricht gesteigert. Mehr noch: Die Elsässer sind der Meinung, daß das, was heute in ihren Grundschulen als Deutsch-Unterricht zugelassen ist – nur zwei fakultative Wochenstunden in den beiden oberen Klassen – völlig unzureichend sei. Nun aber die andere Seite: Viele Lehrer, ja die meisten, sind keine gebürtigen Elsässer; sie verstehen nicht, daß es den Eltern nicht um „Deutschtum“, sondern um „Elsässertum“ geht. Sie haben sich geweigert, Deutsch zu unterrichten. So mußten Wanderlehrer eingesetzt werden, die von Ort zu Ort ziehen. Wie unter diesen Umständen das Resultat des Unterrichts aussieht, kann man sich leicht ausmalen.

Die Wünsche der Elsässer sind bescheiden genug. Zwar könnten sie verlangen, daß das Unterrichtsministerium in Paris ihnen die Regelung aus der Zeit vor dem letzten Krieg zugestehen würde, die auf Poincaré zurückgeht – gewiß einen Mann, den selbst der entschlossenste französische Patriot nicht einer ungebührlichen Germanophilie verdächtigen wird. Poincaré fand, Deutsch sollte im Elsaß von der zweiten Hälfte des zweiten Schuljahrs bis zum Ende der Volksschule als Pflichtfach unterrichtet werden, und begründet; dies unter anderem damit, daß man der Foiderung der Pfarrer, die Kinder sollten bei Beginn des Religionsunterrichts Hochdeutsch körnen, Genüge tun müsse. Poincarés Erlaß vom 30. August 1927 wurde niemals aufgehoben. Leciglich seine Anwendung ist seit 1945 suspendiert. Und tatsächlich fordert die Mehrheit der Eltern die Wiederherstellung des alten Zustandes nickt. Sie will den Vorrang des Französischen nicht aufheben. Aber sie verlangt, daß Deutsch als Pflichtfach (mit Befreiung auf Wunsch) vier Jahre hindurch mit jeweils vier Stunden in der Woche unterrichtet werde. Sie fordert ferner deutsche Bücher, Fortbildungskurse und eine bessere Ausbildung der Lehrer. Und dies ist auch das Programm, das die Generalräte – nämlich die Parlamente der Departements Oberelsaß und Unterelsaß – und der Gemeinderat in Straßburg nach reiflicher Prüfung an die Kammer in Paris weitergeleitet haben. Unterrichtsminister Billères hat einen Untersuchungsausschuß zugesagt. Auch die Handwerks- und Landwirtschaftskammern sind für den erweiterten Deutsch-Unterricht, die Gewerkschaften ebenfalls. Aber die Lehrer sind dagegen.

Im Oberelsaß haben die Schulräte offen gegen die Bevölkerung und gegen die Volksvertretung Front gemacht. Eine Erweiterung des Deutsch-Unterrichts unter den heutigen Umständen sei „Utopie und Irrtum, deren Opfer die Kinder wären“. Sie beschuldigen den Generalrat (so kommentierte der „Nouvel Rhin Français“ am 6. März), daß er eine für die Kinder schädliche Politik treibe. Kurz darauf, am 17. März, erschien dann übrigens das bewußte Flugblatt.

Seither werden die Zeitungen im Elsaß mit Zuschriften überschwemmt, die sie auch seitenweise veröffentlichen. So sehr beschäftigt diese Frage die Gemüter der Öffentlichkeit. All das – so schreiben elsässische Zeitungen – geschieht im Zeichen des Gemeinsamen Marktes und der werdenden Einheit Europas!

Man darf jedoch die Hoffnung nicht aufgeben, daß der neue Geist europäischer Freiheit, dem die Vertreter Frankreichs im Europarat so oft beredten Ausdruck verleihen, sich gegen eine antiquierte Bürokratie durchsetzen wird, für deren Geschmack Poincaré offenbar noch zu liberal war. Es könnte sonst sein, daß die Spannung zwischen Wort und Wirklichkeit gerade in Straßburg, der Hauptstadt des Elsaß, zu groß würde, als daß man der Wahl dieser Stadt zur Hauptstadt Europas vor Brüssel oder Wien mit gutem Gewissen den Vorzug geben möchte.

Volkmar v. Zühlsdorff