A. M., Paris,Ende April

Die gegenwärtige Pariser Regierungskrise kann nur auf zwei Arten ausgehen: entweder führt sie zu einer Regierung des gleichen Typs wie die gestürzte oder aber es kommt zu einem mehr oder weniger brüsken Ende des parlamentarischen Systems, sei es nun durch eine „legale und befristete Diktatur“ de Gaulles oder durch eine radikalere Form des Antiparlamentarismus.

Wer das für eine zu pessimistische Prognose hält, der mache folgendes Rechenexempel. Von den 600 Abgeordneten der Kammer (der Senat hat ja bei der Regierungsbildung nicht mitzureden) sind rund 150 Kommunisten, deren einziges Ziel es ist, dem parlamentarischen System ein Bein zu stellen. Sie schalten damit für die Mehrheitsbildung aus. Das heißt also, daß sich unter den verbleibenden 450 nichtkommunistischen Abgeordneten mindestens 320 zu einer Mehrheit zusammenschließen müssen.

Die Verfechter einer „strammen Politik“ in Nordafrika auf der Rechten (Unabhängige, Exgaullisten, Poujadisten .. .) zählen aber allerhöchstens 200 Köpfe. Die Gruppe um Mendès-France und Mitterand, welche in kühnem Schwung das Kolonialreich föderalistisch umkrempeln und so die beiden Weltmächte von Afrika fernhalten möchte, ist noch kleiner: sie kann auf die aktive Unterstützung von allerhöchstens 50 Abgeordneten rechnen. So liegt die Entscheidung – wie so oft in Frankreich – bei den Unentschiedenen: jene (vor allem die Sozialisten und die Volksrepublikaner einschließenden) restlichen 200 Abgeordneten, die vielleicht insgeheim die Politik von Mendès-France billigen, das aber nicht offen zu sagen wagen.

Das heißt, daß im Rahmen der parlamentarischen Legalität (und solange die gegenwärtige Kammer besteht) nur Regierungen wie diejenige Gaillards möglich sein – Regierungen also, deren Mehrheiten in sich gespalten sind und deren weitsichtige Minister trachten müssen, die kurzsichtigen Kollegen zu überlisten. Dies war auch Gaillards Methode. Er war sich über Frankreichs wahre Lage im klaren: Vor der aufgeputschten Öffentlichkeit erklärte er, er werde auf keinen Fall französische Positionen aufgeben; da er aber einsah, daß die Räumung gewisser Positionen unumgänglich war, tat er, sobald sich der Sturm legte, zwei Schritte in dieser Richtung. Wurden sich die Sturköpfe unter seinen Partnern dieser Todsünde bewußt, so ging er einen Schritt wieder zurück und bagatellisierte die Bedeutung des andern – um sich dann, wenn der Sturm abflaute, auf den Zehenspitzen erneut vorzuwagen...

Eine solche Politik ist jedoch nicht nur wenig heroisch, sie wirkt in der heutigen Situation zu langsam. Die richtigste Maßnahme wird falsch, wann sie zu spät praktiziert wird. Und zudem platzte schließlich den so Genasführten dann doch der Kragen und sie stürzten Gaillard. Peinlich ist nur, daß auch den Amerikanern der Kragen platzte, weil mit diesem Regierungssturz die Murphy-Mission zu Fall kam. Schließlich wollte Murphy ja vorerst nichts anderes, als daß Franzosen und Tunesier sich wieder zusammen an einen Tisch setzen – und das dürfte ja der einzige Weg sein, um eine amerikanische Vormundschaft über Nordafrika zu verhindern. Auch wer kein unbedingter Freund der Amerikaner ist, muß die bei dieser Krise aufgeschossenen anti-amerikanischen Affekte für eine recht kuriose Sache halten. Ohne die amerikanischen Subsidien, die seit so vielen Jahren und in den verschiedensten Formen nach Frankreich fließen, könnte Frankreich den Algier-Krieg gar nicht führen. Und man muß feststellen, daß die USA bisher Frankreich wie ein rohes Ei behandelt haben – sie haben ihre Gäubigerrolle bisher kaum zur Beeinflussung der französischen Politik ausgenutzt.

Nun aber scheinen die Amerikaner gewillt zu sein, sich nicht weiter dafür anrempeln zu lassen, daß, sie Frankreich aushalten, ohne ins Gewicht falende Gegenleistungen dafür zu fordern. Auch wenn es offiziell noch bestritten wird, so scheint nun in Washington nun doch entschlossen zu sein, Paris in absehbarer Zeit zum Kontakt mit der algerischen Emanzipationsbewegung zu zwingen, um so den nordafrikanischen Brandherd zu löschen.