Unsere tägliche Rede ist voll von festgeprägten alt- und neutestamentlichen Formeln und Sprachwendungen, was angesichts der Tatsache, daß die Bibel – besonders nach der Reformation – jahrhundertelang literarischer Hausschatz und vornehmste Bildungsquelle war, nicht verwunderlich ist.

Biblischer Herkunft sind zum Beispiel die krummen Wege, die glatten Worte, die Wölfe im Schafspelz.

Aus der Bibel stammt: der Rest ist für die Gottlosen, wer’s glaubt, wird selig, der Teufel ist los, bis hierher und nicht weiter, das Kind des Todes, der Stein des Anstoßes, der Dorn im Auge, das Ende mit Schrecken, das zweischneidige Schwert, die dienstbaren Geister, die bleibende Stätte, das Schwert des Geistes, sein Mütchen an jemandem kühlen, auf Herz und Nieren prüfen, jemandem das Maul stopfen, aus allen Himmeln fallen, jemanden sitzenlassen, sein Licht unter den Scheffel stellen, sein Licht leuchten lassen, Perlen vor die Säue werfen, sehen, wo es hinaus will, der Dinge warten, die da kommen sollen. Trotz ihrer exotischen Herkunft klingen uns all diese Redewendungen vertraut und nahe.

Auch Goethe hat einen großen Teil seiner lebendigen Sprachform aus der Bibel geschöpft. Die Bibel war ihm nach seinem eigenen Geständnis „lieb und wert“; „denn fast ihr allein“, so sagte er einmal, „war ich meine sittliche Bildung schuldig“.

So sind vor allem seine Jugendwerke voll biblischer Anklänge. Gleich in der ersten Szene des ‚Götz‘ sagt der Wirt: „In meiner Stub’ soll’s ehrlich und ordentlich zugehen.“ Im ersten Korintherbrief heißt es: Lasset alles ehrlich und ordentlich zugehen. Wörtlich aus dem Buche Sirach stammt Bruder Martins Lob: Wohl dem, der ein tugendsam Weib hat! Des lebt er noch eins so lange. Mit Moses‘ Worten bittet Werther Gott um Tränen wie ein Ackersmann um Regen, wenn der Himmel ehern über ihm ist und um ihn die Erde verdürstet.

Dem Faust-Prolog liegt der Eingang des Buches Hiob zu Grunde. In beiden Teilen des gewaltigen Dichtwerkes, Mephistos Rede nicht ausgenommen, begegnen uns immer wieder biblische Bilder und Worte, so im Vorspiel die enge Gnadenpforte (nach Matthäus 7, Vers 13), Fausts schellenlauter Tor (nach 1. Korinther 13, Vers 1), vor dem Tor des Bürgers Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei (nach Matthäus 24, Vers 6), Fausts alle Weisheit dieser Welt (nach 1. Korinther 3, Vers 19), Mephistos Zwillingspaar, das unter Rosen weidet (nach Hohelied 4, Vers 5). Im zweiten Teil des Faust finden wir Mephistos Reiche der Welt und ihre Herrlichkeiten (nach Matthäus 4, Vers 8).

Hunderte von biblischen Redewendungen leben in unserer Umgangssprache. Wir sagen „mir gehen die Augen über“. Johannis 11, Vers 35, heißt es: „Und Jesu gingen die Augen über.“ Auch Goethe verwandte diese Wendung in seiner Ballade vom König in Thule: „Die Augen gingen ihm über, so oft er trank daraus.“