Ein kompetentes englisches Urteil: Kai rzer „Schwanz“ und scharfe „Zähne“

Von Captain B. H. Liddell Hart

Der britische Militärsachverständige Captain B. H. Liddell Hart, der sich auch in Deutschland als vorausschauender Kommentator einen Namen gemacht hat, besuchte unlängst eine Reihe von Bundeswehrgarnisionen. Im folgenden Artikel, in dem er seine Eindrücke wiedergibt, kommt er zu dem überraschenden Schluß, daß die westdeutsche Armee in wenigen Jahren die stärkste Streitmacht Westeuropas sein werde. Ihrem gegenwärtigen Ausbildungsstand zollt er hohes Lob, ihre Ausrüstung nennt er die modernste Europas. Die britische Armee wirke dagegen „wie ein armer Verwandter“. Aus seiner Analyse des ost-westlichen Kräfteverhältnisses und der heutigen strategischen Gegebenheiten folgert er, daß eine Ausrüstung der NATO-Streitkräfte mit taktischen Atomwaffen unzweckmäßig sei. Wenn sich seine Ansichten durchsetzen sollten, so bliebe auch der Bundesregierung die Ausführung des schwerwiegenden NATO-Beschlüsse. erspart, die Bundeswehr mit solchen Waffen auszustatten.

Die Bundeswehr ist drauf und dran, die stärkste Streitmach Westeuropas zu werden. Nur wenige scheinen sich dieser Tatsache und ihrer unvermeidlichen Konsequenzen Gewußt zu sein.

Auf amerikanischen Wunsch soll die Bundeswehr jetzt mit taktischer Atomraketen ausgestattet werden. Der einzige laute Protest dagegen ist – während der Atomdebatte des Bundestages – von den \Deutschen selbst erhoben worden. Aber Bundeskanzler Adenauer hat sich durchgesetzt, und sein Verteidigungsminister Franz-Joseph Strauß hat inWashington eben die ersten zwei Dutzend Matador-Raketen eingekauft, mit denen die Bundeswehr Libyen – also nicht auf deutschem Boden – exerzieren soll. Diese sogenannten „taktischen“ Waffer haben eine Reichweite von 1000 Kilometern.

Es ist jetzt gerade zweieinhalb Jahre her, seit die deutsche Armee zum zweitenmal wiedererstand. Ihr Neubeginn war sehr bescheiden. Am 12. November 1955 – einen Tag nach dem Jahrestag jenes Waffenstillstandes, der den ersten Weltkrieg beendete – wurden 95 Offiziere und sechs Unteroffiziere vereidigt. Im Januar 1956 begann dann die Ausbildung der ersten 1500 Bundeswehrrekruten.

Keine unnütze Schleiferei