Es ist erstaunlich, um nicht zu sagen unheimlich, wie rasch gegenwärtig die dicksten Anleihebrocken zu placieren sind. Inwieweit sie jedoch "echt" untergebracht werden konnten, wird erst die Zukunft lehren. Wenngleich anerkannt werden muß, daß die Banken bemüht sind, das ihnen zugeteilte Material möglichst breit zu streuen, so lassen sich dennoch die Befürchtungen mancher Börsianer nicht von der Hand weisen, daß gegenwärtig in großem Umfang Geldmarktmittel in den Kapitalmarkt fließen, die hier eine Art Ausverkauf verursachen. Nun ist allerdings die Hausse in Renten keine Angelegenheit, die auf die Bundesrepublik beschränkt ist. Auch an anderen Plätzen gibt es feste Rentenkurse, meist als Folge von Diskontsenkungen; vielfach wird auch von nachlassender Inflationsfurcht gesprochen. Und noch eines kommt hinzu: Angesichts der sinkenden Rohstoff preise wurden die Vorräte so weit wie möglich verkleinert, um das Lagerrisiko auszuschalten. Die daraus resultierende höhere Liquidität sucht Anlage, entweder als Bankeinlagen oder direkt auf dem Kapital- (und Her speziell auf dem Renten-) markt. Zwar ist ein Ende der Geldflüssigkeit gegenwärtig noch nicht abzusehen, dennoch muß man sich natürlich überlegen, was geschehen wird, wenn sich der sinkende Trend der Rohstoff preise nicht mehr fortsetzen wird (viele Leute glauben, der Tiefpunkt sei demnächst erreicht) und wenn die Steuernachforderungen der Wirtschaft "Blut" entziehen werden.

In den letzten Tagen sind die Kurse mancher achtprozentigen Werte weiter kräftig angestiegen. Viele Banken raten ihre Kunden zu Tauschtransaktionen in billigere Neuemissionen, was sicherlich einiges für sich hat. Die Schwierigkeit besteht darin, an die neuen Emissionen "heranzukommen"; dabei hilft eigentlich nur eine rechtzeitige Voranmeldung. Die 250-Mill.-DM-Bundesbahn-Anleihe war nach wenigen Stunden bereits ausverkauft. Bis zum Monatsende stehen noch einige kleinere Emissionen zur Debatte. Im Mai soll dann die Bundespost mit einer Anleihe von 200 Mill. DM folgen.

Wenn auch der Rentenmarkt z. Z. im Mittelpunkt aller Anlageerwägungen steht, so wird der Aktienmarkt keineswegs vernachlässigt. Konjunkturbefürchtungen werden – im Gegensatz zu Wall Street – klein geschrieben. Wenn man die Autoproduktion als ein Konjunkturbarometer ansehen will (wie es heute ziemlich üblich geworden ist), dann besteht auch kein Anlaß zu Sorge. Die westdeutsche Autoindustrie wartete im 1. Quartal mit einer Produktion von 373 000 Kraftfahrzeugen auf (gegenüber 297 000 in der Vergleichszeit des Vorjahres). Beachtlich ist, daß die Steigerung des Exportanteils mit 32,2 v. H. noch wesentlich höher lag als die der Gesamtproduktion. Dadurch ist der Exportanteil am Gesamtabsatz weiter auf 49,6 v. H. gestiegen. Im März wurden sogar 51 v. H. der Gesamtproduktion exportiert.

Antriebselement für viele Aktienkurse waren Hoffnungen auf Aufstockungsaktien. Dabei wurden die teilweise beachtlichen Kurssteigerungen vom Berufshandel zu Gewinnsicherstellungen ausgenutzt, so daß die erreichten Spitzenkurse nicht überall gehalten werden konnten. Weitere Anregungen kamen von der Dividendenseite her. Zwar blieben Dividendenüberraschungen (für das Geschäftsjahr 1957) weitgehend aus, dagegen wurden Überlegungen angestellt, ob in den heutigen Kursen bereits überall die Dividendensteigerungen "von morgen" berücksichtigt sind, die zwangsläufig eintreten werden, wenn die Körperschaftsteuer für ausgeschüttete Gewinne rückwirkend gesenkt wird.

Durchgehend fest tendierten die Hauptwerte der Elektro- sowie der chemischen Industrie. An den Käufen beteiligten sich auch die Investment-Gesellschaften, die in den letzten Tagen einen erfreulichen Absatz ihrer Zertifikate verzeichneten. Daraus kann geschlossen werden, daß immer mehr "kleine Sparer" sich den Wertpapieren zuwenden, eine Bewegung, die übrigens auch in den USA festzustellen ist. Die breite Risikostreuung, also das Streben nach größtmöglicher Sicherheit, genießt Vorrang bei allen Vermögensanlagen!

Vernachlässigt liegen nach wie vor die Montanwerte, obwohl hier und dort die Spekulation in recht vorsichtiger Form "einzusteigen" beginnt. Tatsächlich ist es wohl auch so, daß das Risiko nach unten beim jetzigen Stand der Eisen- und Stahlpapiere geringer ist als bei manchen anderen Aktien. Die Ausführungen auf den Montan-Hauptversammlungen klingen längst nicht mehr so pessimistisch wie vor einigen Wochen. Es wurde wiederholt die Meinung geäußert, daß die derzeitige Flaute am Stahlmarkt nur eine vorübergehende Periode der Anpassung an Zeiten normaler Kapazitätsausnutzung darstellt, die etwa bei 80 bis 85 v. H. zu liegen pflegt. Nicht vergessen sollte man die Erklärung auf der HV der Stahlwerke Südwestfalen, nach der das Unternehmen in der Lage ist, für 1958 den gleichen Betrag für die Aktionäre bereitzustellen wie für 1957. Das heißt, daß eine eventuelle Senkung der Körperschaftssteuer voll dem Dividendensatz zugute kommen wird! Kurt Wendt