Der polnische Journalist Kazimierz Baranowski hat vor einiger Zeit eine Reise durch die Bundesrepublik unternommen und den Lesern seiner Zeitung darüber höchst einseitige und teilweise ausgesprochen falsche Eindrücke vermittelt. In einem offenen Brief an den polnischen Journalisten versuchte Hans Gresmann dessen Deutschlandbild zurechtzurücken (DIE ZEIT, Nr. 8/1958). Wir drucken heute die Antwort Baranowskis ab und beschließen damit den Briefwechsel.

Sehr geehrter Herr Gresmann!

Der Kredit der Gutgläubigkeit, den Sie mir gütigerweise zubilligen, gibt mir keine Genugtuung. Es geht mir schließlich nicht um Genugtuung, sondern vielmehr um wichtigere Dinge. Zu unserer zufälligen Diskussion habe ich von Ihren Lesern eine Reihe von Briefen erhalten, die meine Überzeugung bestätigen. So bekam ich kürzlich von Herrn H. Kühn aus Bielefeld einen Brief mit einem Hörspielmanuskript. Herr Kühn schreibt, daß jenes Hörspiel von mehreren westdeutschen Rundfunkanstalten gesendet worden ist. Das Stück ist sehr suggestiv, aber man kann es auch beim besten Willen nicht zu den Werken zählen, die den „Berg des Hasses und der Bitternis“ beseitigen könnten.

Der im Hörspiel auftretende Pole ist ein Bösewicht und der Mörder einer deutschen Frau. Die Tochter der Ermordeten verzeiht dem Mörder im Namen Gottes seine Tat. Über Verbrechen des Hitlerismus ist in dem Hörspiel nur beiläufig die Rede. Wenn jemand glaubt, diese Art der Propaganda könne der Verbesserung der polnisch-deutschen Beziehungen dienen, so kann er einem nur leid tun.

Ich teile die Meinung Ihrer Zeitschrift hinsichtlich der Urteile im Warstein-Prozeß Diese Angelegenheit muß ja die Menschen in ihrer Überzeugung bestärken, daß in der Bundesrepublik die Mörder von Frauen und Kindern mit Nachsicht behandelt werden. 12 Tage Zuchthaus für die Ermüdung eines Menschen, das ist das gerichtliche Strafmaß von Warstein. Ob dies die Verbrecher nicht übermütig macht, ob dies nicht eine große Gefahr heraufbeschwört?

Wir Polen wünschen uns eine Verbesserung der Beziehungen zu allen Deutschen und betrachten sie als nützlich, nicht so sehr deshalb, weil wir Nachbarn sind, das sind wir seit 1000 Jahren. Wir sind einfach der Meinung, daß man mit den Deutschen sprechen muß, weil wir wissen, daß der Hitlerismus, überhaupt jeder Chauvinismus wie auch der deutsche Militarismus, das polnische und das deutsche Volk gefährden. Es wäre die größte Dummheit, wenn wir in unserer Diskussion die Verbrechen aus den Jahren 1939–1945 vergessen würden. Diese Erinnerung ist gerade heute besonders wichtig, da man Beschlüsse faßt, die schreckliche Gefahren heraufbeschwören – ich meine den Bundestagsbeschluß über die Atombewaffnung.

Andererseits berühren uns einige Artikel der ZEIT und anderer westdeutscher Zeitungen sehr sympathisch. Solche Artikel versucht sowohl der Dziennik Ludowy als auch die übrige Presse dem polnischen Leser zugänglich zu machen. So hat etwa die Änderung der Inschrift im Lichthof der Münchener Universität von Dulce et decorum est pro patria mori in Mortui viventes obligant bei uns einen außerordentlich positiven Eindruck hinterlassen.