XIX. Pakistan: Staatsschiff in Not

Von A. E. Johann

Audiatur et altera pars... Im vorigen Artikel ist an dieser Stelle der Fall Kaschmir erörtert worden. Der Autor ließ keinen Zweifel daran, daß er fast ohne Vorbehalte den Standpunkt Indiens in der Kaschmir-Frage für richtig hält und für sachlich wie juristisch gerechtfertigt. Nun wäre ich ein schlechter Berichterstatter, wenn ich versuchen wollte, dem Leser der ZEIT meine Meinung zu oktroyieren. Wie könnte ich das auch? Pakistan ist ein großes Land von 80 Millionen Einwohnern; es ist mit der deutschen Bundesrepublik (seinem drittgrößten Handelspartner) und den Deutschen gut befreundet; ich habe in dem Lande viel Freundlichkeit und Unterstützung erfahren. Ich möchte also, um das Bild abzurunden, darstellen, wie sich die Kaschmir-Frage von der pakistanischen Seite her ausnimmt.

Die Auffassungen, die Pakistan zu der Frage hegt, ob Kaschmir sich mit Recht oder mit Unrecht der Indischen Union angeschlossen hat, sind den Auffassungen in seinem großen Nachbarland diametral entgegengesetzt – so diametral, daß nicht beide Auffassungen zugleich richtig sein können (ein Tatbestand, der in der Praxis des gelebten Lebens der Menschen wie der Völker leider häufig vorkommt und nicht gerade’ dazu angetan ist, den Frieden zu fördern).

Pakistan wirft den Indern vor, daß Kaschmir nicht der einzige Fall sei, in dem sich das freigewordene Indien über die Wünsche muslimischer Staaten und über den eigentlichen Zweck und Sinn der Aufspaltung des britisch-indischen Kaiserreiches in einen großen hinduistischen (Bharat) und einen kleineren mohammedanischen Staat (Pakistan) hinweggesetzt hat. Die Pakistanis verweisen dabei auf die früheren Fürstenstaaten Junagadh und Hyderabad.

In Junagadh lag der Fall so: Der Nawab (arabisch: Statthalter) von Junagadh war Mohammedaner, seine Untertanen aber bekannten sich in der Majorität zum Hinduismus. Der Nabob erklärte sich entsprechend den Grundsätzen des englisch-indischen Befreiungsvertrages mit seinem Lande für den Anschluß an Pakistan. Indien aber stellte fest, das formale Recht des Herrschers sei ohne Belang; maßgebend sei der Wunsch des Volkes – und das Volk wolle zu Indien. Die indische Regierung machte das Land mit Gewalt zu einem Bestandteil Indiens.

Immerhin hatte Junagadh nur eine halbe Million Einwohner und liegt, ohne an Pakistan zu grenzen, einigermaßen entfernt auf der Halbinsel Kathiawar. Anders verhielt es sich mit Hyderabad und seinen 20 Millionen. Seine Bevölkerung zeigt ein starkes Übergewicht an Bekennern des Hinduismus gegenüber den Mohammedanern (etwa 5 :1); auch der Staat Hyderabad besitzt keine gemeinsame Grenze mit Pakistan, sondern liegt tief im zentralen Dekkan, inmitten der breiten Wurzel der indischen Halbinsel. Der Nizam von Hyderabad versuchte seinem Staat zumindest eine gewisse Unabhängigkeit gegenüber der Indischen Union zu erhalten. Er bot eine Volksabstimmung an, aber Indien schickte (September 1948) seine Truppen ...