Bisher war es wie ein stillschweigendes Obereinkommen zwischen Ost und West: keiner übersetzt die Literatur des anderen. Man wollte sich so vor unliebsamen Einflüssen schützen. Und das „Abkommen“ wurde eingehalten.

Die Literatur des Westens aus den vergangenen Jahrhunderten war den russischen Lesern sehr vertraut. Erst vor einigen Jahren wurde zum Beispiel eine fünfzehnbändige Ausgabe der Werke Balzacs in 165 000 Exemplaren herausgebracht. In diesem Jahr erscheint Dickens dreißigbändig in 600 000 Exemplaren.

Der gebildete Russe liest die Bücher, kennt ihre Verfasser. Es geht so weit, daß Ilja Ehrenburg mit einem Essay über die französische Klassik seinen Kampf gegen den sozialistischen Realismus unterstützt. Er vergleicht die Auseinandersetzung zwischen Anhängern und Gegnern des Realismus in Rußland mit dem Konflikt zwischen Corneille und Racine: der eine zeige den Menschen, wie er wirklich sei, der andere – wie er sein solle. Und dieser für uns ziemlich fernliegende Vergleich wird in Rußland akzeptiert und verstanden.

Bis heute mußte man sich im wesentlichen mit der Klassik begnügen. Von der westlichen Literatur der Gegenwart kannte man nur Bruchstücke. Doch nun begehrt der russische Leser auf. Es sei ein falsches, unzulängliches Bild, das man vom literarischen Schaffen der einzelnen Nationen habe. Wie wolle man die Völker und ihren Kampf für die Freiheit verstehen, wenn man ihre Literatur nicht kennt? Es ist symptomatisch, daß solche Gedanken in der „Literaturnaja Gaseta“ veröffentlicht werden, dem Organ des Schriftstellerverbandes, das sonst die Parteilinie befolgt.

In einem längeren Artikel beschäftigt sich W. Iwaschewa ausführlich mit der Literatur des heutigen England. Sie verlangt von den Staatsverlagen ein umfassendes Übersetzungsprogramm auch von Werken der sogenannten bürgerlichdemokratischen Schriftsteller. T. S. Eliot, Aldous Huxley, George Orwell und Evelyn Waugh werden zwar als dekadent und reaktionär abgelehnt. Die sogenannten progressiven Verfasser wie Aldridge und Summerfield, deren Werke bereits ins Russische übersetzt sind, werden nur nebenbei erwähnt.

Aber: „Zwischen diesen beiden Gruppen stehen viele sehr begabte Schriftsteller, unter ihnen Meister des Wortes wie Graham Greene Greene hat mit seinem kürzlich verfilmten Buch „Der stille Amerikaner“ und mit seiner Ablehnung der amerikanischen Filmfassung Popularität in Rußland erlangt. Doch gilt das Interesse nicht nur diesem Buch.

Ganz besonders hervorgehoben wird die Gruppe der „zornigen jungen Männer“. Die Verfasserin des Artikels in der „Literaturnaja Gaseta“ sieht sie als die Vertreter der betrogenen Nachkriegsjugend an – betrogen, weil die versprochene „soziale Revolution“ ausgeblieben sei. J. Wayne, K. Amies und J. Osborne mit seinem vielumstrittenen „Blick zurück im Zorn“ werden namentlich erwähnt.