r. g., Stuttgart

Es gibt in Stuttgart kaum einen Vater und kaum eine Mutter, die nicht von schrecklichen Vorstellungen gepeinigt würden, wenn ein Kind auch nur eine Stunde länger als erwartet ausbleibt. Denn in einer der angenehmsten Wohngegenden der Stadt ist jetzt ein siebenjähriger Junge nicht mehr nach Hause gekommen. Genau eine Woche später fand man seine Leiche im Wald, knapp drei Kilometer von der väterlichen Wohnung entfernt.

Seitdem geistert ein Begriff durch Stuttgart, der seit der Entführung des Lindbergh-Jungen und der Ermordung des Weinberger-Babys auch in den Schlagzeilen der deutschen Presse heimisch geworden ist: Kidnapping – jene berüchtigte Kindesentführung durch Erpresser, die, wie die amerikanische Kriminalstatistik ausweist, meistens mit dem Mord endet. Die Erregung in der Landeshauptstadt am Neckar, wo man sich über jede Phase der Untersuchung in der Straßenbahn unterrichten konnte, ist deshalb so groß, weil es sich hier um das scheußlichste Verbrechen handelt, das seit Jahrzehnten in Deutschland begangen wurde. Angesichts der sich häufenden Banküberfälle und dieses ersten Kidnapping seit zwanzig Jahren ist der Eindruck entstanden, daß die Methoden der amerikanischen Verbrecherwelt nun auch in der Bundesrepublik überhandnehmen. Viele Stuttgarter empfinden es als einen Sturz ins Bodenlose, daß von dieser Entwicklung selbst die bisher als friedlich, ehrsam und sicher geltende Landeshauptstadt Baden-Württembergs nicht ausgenommen bleibt.

Der siebenjährige Joachim Göhner, ein netter, aufgeweckter Junge, war am Dienstag, dem 15. April, in dem Stadtteil Degerloch um 12 Uhr zum Spielen gegangen. Um 12.45 Uhr, so war ihm eingeschärft worden, sollte er zum Essen zurück sein. Aber am Nachmittag war er immer noch nicht zu Hause. Die besorgten Eltern verständigten daraufhin die Polizei.

Am Mittwoch klingelte im Hause Göhner das Telephon. Ein Unbekannter meldete sich und teilte dem Vater in lakonischer Kürze mit, er wisse, wo sich der Junge aufhalte. 15 000 Mark forderte der Kidnapper für die Angabe des Aufenthaltsortes. Am Donnerstag und am Freitag rief er nochmals an – jeweils von öffentlichen Fernsprechzellen aus. Die Gespräche wurden auf Band aufgenommen, aber alle Versuche, den Anrufer noch beim Telephonieren zu fassen, mißglückten.

Am Dienstag, dem 22. April, fand dann ein junger Arbeiter durch einen Zufall die Leiche des gefesselten Kindes; Joachim war erdrosselt worden. In der Nacht darauf meldete sich der Verbrecher unverfroren noch einmal am Telephon und verlangte noch einmal, die Hinterlegung des Lösegeldes – zu einem Zeitpunkt, da der Vater seit Stunden wußte, daß sein Sohn tot war

Eine Spur, die die Kriminalpolizei in den letzten Tagen verfolgt hatte, hat zu keinem Ergebnis geführt. Der 31 Jahre alte Arbeiter Heinz Kroneis, der am Freitag verhaftet worden ist, steht in keinem Zusammenhang mit der Entführung und dem Mord. Im übrigen hält sich die Kriminalpolizei mit Auskünften außerordentlich zurück.

Wie das Untersuchungsergebnis auch immer ausfallen mag: es läßt sich nicht verhehlen, daß während der Ermittlungen eine große Unsicherheit spürbar geworden ist. Hundertschaften von Polizei haben zwar mit Spürhunden gesucht, Bombentrichter wurden leergepumpt, selbst Hellseher traten auf den Plan, und eine Belohnung von 10 000 Mark ist ausgesetzt worden. Es ist wohl alles geschehen, was geschehen mußte; aber Polizei und Öffentlichkeit sind von der Novität des brutalen Verbrechens überrascht worden. Die Erregung in der Öffentlichkeit hat sich ein Ventil geschaffen: in der Forderung nach strengerer Bestrafung aller Gewaltverbrecher.