Das Reisebuch ist selten, das eine Reise setzen könnte. Denn der Mann, der es schrieb, müßte so phantasievoll, so fesselnd und so gründlich das Land schildern, daß die Wirklichkeit nichts Neues mehr bieten könnte. Aber selten werden auch die Reiseführer, die eine gute Vorbereitung einer Reise ermöglichen. Die immer noch anschwellende Reisewoge hat auch eine Flut von Reiseführern heraufgeschwemmt, die offensichtlich mehr aus fröhlichem Geschäftssinn entstanden sind, denn aus dem Wunsch, dem Reisenden praktisch zu dienen.

Um dem Bewegungsdrang heutiger Touristen Rechnung zu tragen, verzichten die Reiseführer häufig darauf, zum Verweilen in Städten mit reicher Vergangenheit (wie Florenz) für mehrere Tage aufzufordern, sie geben statt dessen Tips für Kurzaufenthalte und bieten dafür möglichst viele Streckenbeschreibungen für eilige Autotouristen. Der vielgerühmte alte Baedeker verwandelte sich in den kurz und schnell informierenden Auto-Baedeker, und so kann man heute in Italien und Griechenland Menschen, die auf Kenntnis und Griechenland Wert legen, mit alten Baedekern von 1911 umherwandern sehen, die schon in ihrer Einführung in Geschichte und Kunstgeschichte des Landes wissenschaftliche Gründlichkeit mit sanfter Überredungskunst verbinden. (Daß sie außerdem heute die oft verbinden. und manchmal nachdenklich stimmende Möglichkeit bieten, die Welt mit den Augen unserer Väter und Groß-Welt zu sehen, mag ein anderer Vorzug sein.)

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An Stelle des Baedeker, dieses alten Standardwerkes der deutschen Reisenden – und nicht nur der deutschen – sind heute an die Spitze aller gründlich informierenden Reisehandbücher die „Blauen Führer“ (Les Guides Bleus) des Pariser Verlages Hachette gerückt (Deutsche Auslieferung: Zumsteins Landkartenhaus, München). Sie versuchen, einigermaßen ausführlich auch über die angesammelten Kunstschätze, Geschichte und Kunstgeschichte – vorläufig vorliegend der europäischen Länder – zu unterrichten, ohne deren Kenntnis das Verständnis für das besuchte Volk allzu flüchtig und ein größerer Gewinn der Reise fraglich bleibt.

Aber auch „Die blaue Führer“ leiden darunter, daß heute Landschaften durch neue Straßen sehr schnell verändert werden oder dadurch, daß, wie im Fall der Adriaküste, eine Bautätigkeit ohnegleichen herrscht, weil der Reiseboom viele neue Badeorte wachsen läßt. Ebenso rasch verändern sich heute viele Städte, besonders in Deutschland, und eine völlige Umwandlung der Museen nach neuen Gesichtspunketn ist ebenfalls in ganz Europa in Gang. Es ist also schwer für die Reiseführer, auf dem Laufenden zu bleiben.

Die Schwierigkeiten für weitschichtig angelegte Handbücher sind also groß. Soeben ist der neue blaue Führer Holland erschienen (452 S., 1 Straßenkarte, 21 Stadtpläne, DM 16,50), rechtzeitig zur Brüsseler Weltausstellung, denn „sicher wird auch das benachbarte Holland viele der Brüsseler Besucher zu seinen Gästen zählen“. Dieser Führer betont, daß eine Hollandreise ohne den Besuch der niederländischen Gemäldegalerien nicht denkbar sein sollte. Daneben zeigen sich auch Nagels Reiseführer „Belgien und Luxemburg“ (mit 436 S., 1 Landkarte, 1 Straßenkarte, 17 Stadtkarten, 9 farbig, 22,– DM), mit einem Streifband „Ihr Begleiter zur Weltausstellung“ und „Holland“ (476 S., 1 Straßenkarte, 20 Stadtkarten, 3 farbig, 19,50 DM) auf der Höhe des Augenblicks. Die Anregungen dieser Bände erstrecken sich besonders auch auf Flora, Fauna, Sitten und Gebräuche. Da Nagels Reiseführer (Sitz des Stammhauses Genf) ebenso wie die Blauen Führer aus Fremdsprachen übersetzt sind, so geht es leider nicht ganz ohne Mißverständnisse ab.

Der belgische Führer, in dem der Generalkommissar für Tourismus in Belgien, A. Haulot, bittet, „Belgien mit Sympathie entgegenzukommen, Ihr Herz sprechen zu lassen“, hat in einem Anhang einen Wegweiser durch die Weltausstellung und einen Veranstaltungskalender. Hier können wir uns täglich eine 15 Stunden dauernde Weltreise von Nation zu Nation zusammenstellen. Der Optimismus, der diese Ausführungen wie die Weltausstellung selbst durchpulst, ist in dem Kapitel über die Unterbringung der Gäste auf die Spitze getrieben: „Wer nach Brüssel kommt, wird sich dort zu Hause fühlen.“ (Wahrscheinlich waren bei Drucklegung des Reiseführers die Preise noch nicht bekannt.)