Eine deutsche Schriftstellerin hat mich besucht, eine liebenswürdige Dame, von der im Augenblick zwei Dinge zu erzählen sind. Einmal: Diese Schriftstellerin ist über 25 Jahre (sie möge mir diese Unhöflichkeit verzeihen), zum anderen: Sie hat vor zwei Jahren einen ausgezeichneten Roman geschrieben.

Sie hat auch einen Verleger für das Buch gefunden sowie eine ganze Menge Kritiker, die ihren Roman schön fanden, weil er wirklich schön war. Das einzige, was sie nicht fand, waren Leser – genauer gesagt, sie fand nur ein paar hundert. Und das ist zu wenig. Denn diese deutsche Schriftstellerin kann nun einen zweiten Roman vielleicht nicht fertigstellen. Sie hat kein Geld dazu. Und selbst der hochherzige Verleger Kurt Deich wird ihr nicht helfen können.

Kurt Desch nämlich hat einen Aufruf "An die jungen unbekannten deutschen Schriftsteller" veröffentlicht, in dem er sie bittet, aus ihrer Anonymität herauszutreten, ihm ihre Manuskripte zu schicken, damit das Gute davon der Öffentlichkeit vorgelegt werden kann. Man erkennt daran ein ehrliches Bemühen um junge deutsche Dichtung.

Der Verleger Desch sucht Romane, und also bietet er dem 25jährigen jungen Mann (oder der jungen Frau) einen Vorschuß an über die Tantiemen von 5000 Exemplaren, gleichgültig, ob diese 5000 Exemplare verkauft werden oder nicht. Außerdem hat er Übereinkommen getroffen mit Verlegern in acht anderen europäischen Ländern, die ähnliche Aufrufe erlassen, so daß der Autor vielleicht die Möglichkeit hat, mit seinem Erstling in acht Ländern zugleich zu erscheinen.

Nur von der Schriftstellerin, die mich besucht hat, spricht Desch nicht. Sie ist natürlich nicht die einzige, von der man solch eine Geschichte erzählen kann, wie ich sie eben erzählt habe. Sie steht für viele andere. Aber vielleicht weiß Kurt Desch das gar nicht. Mir tut ja auch nur leid, daß die Schriftstellerin mit dem hochherzigen Aufruf Deschs nichts wird anfangen können, weil sie keine 25 mehr ist.

Das soll natürlich nichts gegen das Verdienst eines solchen Aufrufs sagen. Das alte Europa sucht seine jungen Talente. Und wer wollte da kommen und sagen, das alte Europa hätte das nicht nötig? Nun ist es allerdings so, daß wir in Deutschland schon seit einigen Jahren nach dem Goethe-Wort verfahren: "Kommt, laßt uns alles drucken", vor allem, was die jungen literarischen Talente betrifft. Wer in Deutschland eine einigermaßen gute Story zusammenbauen, ein einigermaßen gutes Deutsch schreiben kann, der wird verlegt. Das allerdings müßte Kurt Desch wissen.

Zurück zu unserer Schriftstellerin. Wenn ich mir überlege, in welchem Alter Fontane mit dem Romanschreiben begonnen hat, so ist sie dagegen vergleichsweise ein Kücken, ein ganz junges Mädchen sozusagen – aber für Kurt Desch doch eben schon zu alt. Was macht eigentlich in Deutschland heute ein 60jähriger, der plötzlich die Berufung des Schreibens in sich verspürt? Er resigniert – so wie er sicher in jenem Unternehmen der freien Wirtschaft resignieren müßte, von dem ich neulich hörte, daß es das Gehalt eines 50jährigen Angestellten unter "auslaufende Unkosten" verbucht.

Kurt Desch wünschen wir zu seinem Aufruf Glück. Da das Mittelmäßige allerorten schon gedruckt wird, bleibt es ihm vielleicht vorbehalten, das Schlechte oder – das Geniale zu entdecken. Und also müssen wir ihm auch gute Lektoren wünschen. p. h.