Die Teilnahme von rund 2500 Aktionären an der Hauptversammlung der Badische Anilin- & Sodafabrik AG, Ludwigshafen, ist ein erfreuliches Zeichen. Es zeigt, daß es der Verwaltung gelungen ist, die Aktionäre’ mehr denn je für "ihr" Unternehmen zu interessieren. Das kann aber nur der erste Schritt sein, denn nun kommt es darauf an, um Vertrauen zu werben. In diesem Sinne muß der Vorschlag der Verwaltung gewertet werden, einen Kleinaktionär zur Wahl in den Aufsichtsrat vorzuschlagen. Vielleicht wird eine solche Maßnahme mithelfen, in Zukunft unfruchtbare und langatmige Diskussionen in den Hauptversammlungen – (auch die BASF-HV war nicht frei davon) zu vermeiden. Eines muß einmal deutlich gesagt werden: Wer vor einem Forum von vielen hundert Aktionären von der Verwaltung Auskunft verlangt, also die Zeit vieler Leute in Anspruch nimmt, hat die Pflicht, sich vorher über die Materie zu unterrichten und dabei alle Quellen auszuschöpfen. Wenn sich im direkten Kontakt mit der Verwaltung die Gegensätze nicht überwinden lassen bzw. wenn die Verwaltung einem Kontakt ausweicht, erst dann läßt sich mit gutem Grund "Opposition" anmelden, die einen Apparat in Bewegung setzt, der bei großen Gesellschaften immerhin 100 000 bis 200 000 DM kostet.

Daß sich viele Aktionäre an die Verwaltung vor der Hauptversammlung mit Anfragen gewandt hatten, ging aus den Ausführungen des Vorstandsvorsitzenden, Prof. Wurster, hervor, der die vorliegenden Fragen summarisch beantwortete. Dabei gab er eine Reihe interessanter Aufschlüsse. Er verschwieg zum Beispiel nicht, daß, um seine Worte zu gebrauchen, "bei dem Dividendenvorschlag die Zitrone nicht ganz ausgepreßt wurde". Bei dem immer schwerer werdenden Konkurrenzkampf im In- und Ausland sei etwas anderes gar nicht möglich. Ein Unternehmen wie die BASF dürfe nun einmal nicht nur an die Dividende von heute denken, sondern sie müsse auch die Voraussetzungen für die Dividenden künftiger Jahre schaffen. Sicherlich haben sich viele Aktionäre darüber Gedanken gemacht, daß die Hauptbeteiligungsgesellschaft, nämlich die Gewerkschaft Auguste Viktoria in Marl nicht nur dividendenlos war, sondern mit Verlusten arbeitete. In der Tat handelt es sich bei dieser Tochter um ein Sorgenkind, allerdings aber auch um ein Lieblingskind von Ludwigshafen. Über die Ursachen der Verluste wurde schon früher berichtet. Sie liegen darin, daß die Zink- und Bleipreise aus internationalen Gründen einen Rückgang um etwa 50 v. H. erfuhren. "Wir konnten uns aber nicht entschließen", sagte Wurster, "den Erzbergbau dieses Unternehmens, mit dem wir etwa ein Sechstel zur deutschen Blei- und Zinkförderung beitragen, stillzulegen". Eine völlige Stillegung des Vorkommens, das noch eine Lebensdauer von etwa fünfzehn Jahren hat, würde gleichbedeutend mit einer endgültigen Stillegung sein.

Der Wert der Beteiligungen der BASF aber liegt nicht beim Erz, sondern bei der Kohle. Ludwigshafen konnte immerhin 72 v. H. des Kohlenbedarfs bei der Zeche Auguste Viktoria decken. Wahrscheinlich wird der Anteil in den kommenden Jahren noch besser werden. Noch wichtiger aber ist die Belieferung mit Koks, der für die BASF kein Brennstoff, sondern ein chemischer Rohstoff ist. Sie muß deshalb auf gleichbleibende Koksqualitäten achten, die praktisch nur eine eigene Zeche garantieren kann.

Was die Aktionäre am meisten interessiert, sind die Aussichten für die nächste Zukunft. Die ersten Monate haben eine weitere Steigerung der Verkaufsumsätze gebracht. Der Konkurrenzkampf ist aber an allen Fronten wesentlich schärfer geworden. Es sind Einflüsse in Erscheinung getreten, die sich retardierend auswirken können. Eine gewisse vorsichtige Beurteilung ist deshalb am Platze. Bei dem nunmehr erreichten hohen Umsatzniveau bedeuten der Zuwachs eines jeden Prozentes einen sehr beachtlichen Betrag. Um ihn zu erreichen,bedarf es größter Anstrengungen. Diese aber müssen nicht nur der Kapazitätsausweitung, sondern auch der Rationalisierung dienen. Die Investitionen für 1958 werden so auch in erster Linie auf das Auffangen von Kostensteigerungen gerichtet sein 1959 werden die Dinge wieder anders aussehen.

Die Zuwachsrate ist bei den Kunststoffen am stärksten. Verschiedentlich ist die BASF gefragt worden, ob es sehr viel Sinn habe, Kuiststoffrohstoffe zu schaffen, da es sich überall zeige, daß an Rohstoffen nicht allzuviel zu verdienen ist. Hierzu meinte Professor Wurster, daß man Kunststoffe, aus denen man zum Beispiel Perlon- und Nylon-Strümpfe, aber auch die kompliziertesten Geräte der Fernmeldetechnik herstelle, nicht etwa mit Rohstoffen wie Erz, Kohle und Eisen vergleichen könne. Es handle sich vielmehr bei ihnen um das Ergebnis einer höchst komplizierten wissenschaftlichen und auch technischen Entwicklung. - e b