Die auf der Hauptversammlung der Farbenfabriken Bayer AG, Leverkusen, geäußerte Kritik eines Aktionärs lautete: "Sie waren sehr höflich und sehr diplomatisch und haben geredet, wie die Katze um den heißen Brei!" Sie war an die Verwaltung des Unternehmens gerichtet. Die Veranstaltung hatte zwar auch die seit einiger Zeit übliche Länge, aber das Auskunftsrecht wurde – fast ausnahmslos – von allen fragenden Aktionären in vertretbarer Form ausgeübt. Auch der Darmstädter Kohlenhändler Erich Nold trug seine Fragen ohne Globalbeleidigungen vor. Eine Diskussion über die Dividende gab es in der Bayer-HV nur insoweit, als die Frage auftauchte, ob ein Dividendenkartell unter den drei IG-Farben-Nachfolgern bestünde. Vorstandsvorsitzer, Professor Dr. Ulrich Haberland, betonte dazu, das sei nicht der Fall, aber eine parallele Entwicklung der IG-Nachfolger sei ganz natürlich. Die Dividende wurde also auch hier bei einer Präsenz von 448 Mill. DM – das sind rund 82 v. H. des Grundkapitals – gegen 1250 Nein-Stimmen und bei 124 Enthaltungen in Höhe von 11 (10) v. H. beschlossen. Dennoch stand aber die Ertragskraft des Unternehmens im Mittelpunkt der Debatte. Der Vertreter der Schutzvereinigung, Rechtsanwalt Simon, betonte, daß der Geschäftsbericht zwar einen guten Überblick über die Substanz der Bayer-Werke gebe, aber keinen Aufschluß darüber, was wirklich verdient worden sei. Nachdrücklich wurde die Aufgliederung der Ertragssteuern gefordert, um wenigstens von hier aus Rückschlüsse auf die Ertragslage ziehen zu können. Entgegen den Verwaltungen anderer großer Unternehmen, insbesondere der Montanindustrie, wiederholte der Bayer-Vorstand lediglich die bereits anläßlich der Bilanzbesprechung vor der Presse gemachten Äußerungen, wonach die Ertragssteuern im Jahre 1957 um 35 v. H. gegenüber dem Vorjahr gestiegen sind. Diese mit dem Hinweis auf die nicht-schlafende Konkurrenz verbrämten Angaben konnten die Aktionäre nicht zufriedenstellen.

Aber vielleicht liegen im Falle der deutschen Großchemie – vorerst jedenfalls noch – tatsächlich andere Verhältnisse vor. Deutschland hat sich in den letzten Jahren praktisch vom Nullpunkt aus auf den fünften Platz in der Weltrangliste der internationalen Chemie heraufgearbeitet. Dieser Aufstieg wird nicht nur mit den Argusaugen der Konkurrenz, sondern auch mit politischem Argwohn verfolgt. Zu diesem Aufstieg aber gehört eine gewisse, der Geschäftspolitik zu überlassende Verfügbarkeit über Ertragsteile, über die nicht diskutiert werden kann.

Daß die Bayer-Verwaltung nicht bei allen Fragen zugeknöpft war, zeigt die sehr offenherzige Aufgliederung der mit 4,3 Mill. DM ausgewiesenen Vorstandsbezüge. Es wurde angegeben, daß davon 1/4 auf Abfindungen, Ruhegehälter, Hinterbliebenenbezüge usw. entfallen, während der Rest von etwa 3,3 Mill. DM die Gesamtbezüge der 16 Vorstandsmitglieder sind.

Die Ausführungen von Professor Haberland waren im Hinblick auf die zukünftige Entwicklung recht optimistisch. Er stellte mit Befriedigung fest, daß die Investitionspolitik der Bayer-Werke richtig gewesen sei. Nur sie habe es vermocht, das Geschäft seit 1952, dem Jahr der Ausgründung aus der IG Farbenindustrie AG, auf mehr als das Doppelte auszuweiten. Die durch die umfangreichen Investitionen erzielte "solide Ertragskraft" des Unternehmens sei im gegenwärtigen Zeitpunkt von besonderem Wert. Sie erlaube es, die Dispositionen der Bayer-Werke auch für die Zukunft unabhängig von kurzfristigen Konjunkturschwankungen in Ruhe zu treffen. Es könne jetzt als Erleichterung angesehen werden, daß die großen Investitionen der Vorjahre, insbesondere des Jahres 1957 mit seiner Rekordhöhe von 313 Mill. DM, das Unternehmen in die Lage versetzten, den Ausbau der Anlagen nicht mehr mit dem gleichen Tempo weiterbetreiben zu müssen. Professor Haberland sprach von einer Rückführung der "außergewöhnlich hohen Investitionen der Vorjahre auf ein normaleres Maß". Allerdings sei die Senkung der Investitionsausgaben für das Jahr 1958 keineswegs bedeutend. 1957 sind für die Errichtung von Neuanlagen bei der Farbenfabriken Bayer AG und der Agfa AG, sowie für den Erwerb und den Ausbau von Beteiligungen zusammen nicht ganz 360 Mill. DM aufgewendet worden. Im laufenden Jahr werden für Investitionen etwa 300 Mill. angesetzt. Nmn