Seit einigen Jahren ist das amerikanische Musical wie ein Stern der Hoffnung auch in Deutschland aufgegangen. Unser einstmals strahlender Operettenhimmel ist schwarz und schwärzer geworden. Die liebenswürdig heitere, musikalische Volkskunst des Theaters leidet an der Auszehrung.

Mit der schöpferischen Stagnation schwand nicht das Bedürfnis. Operettenaufführungen stehen sogar an der Spitze der Statistik. Augenblicklich lebt der Betrieb von einer Substanz, die als "klassisch" gilt, obwohl das ein Widerspruch in sich selbst ist. Denn die Operette war nicht nur "Traumfabrik", bevor ihr das Kino darin Konkurrenz machte. Operette war aktuell gewürzt – sei es mit der Parodie auf hohe Kunst (zum Beispiel auf die Händel-Oper in der "Bettleroper" von Gay und Pepusch), sei es mit genüßlichem Spott über die Lebewelt des zweiten Kaiserreichs in Paris (Offenbach) oder auf die österreichischungarische "Gesellschaft" (von der "Fledermaus" bis zur "Lustigen Witwe"). Diese aktuelle Essenz ist inzwischen historisch geworden.

Hier liegt die Einbruchstelle für das Musical. Nicht weil die oft vielköpfigen Verfasserteams bessere Musik komponieren, kunstvollere Formen entwickeln könnten als mancher Operettenepigone noch heute in Europa, nein, sondern weil sich amerikanische Musicals durch eine erfrischende Respektlosigkeit auszeichnen, weil sie aufspüren, wo der Schuh drückt – deshalb feiert diese gekonnte Verbindung von Sentimentalität und Travestie Orgien internationaler Erfolge.

Merkwürdigerweise hat in Deutschland bisher nur ein einziges Stück der neuen Gattung die Runde gemacht: "Kiss me, Kate" (Küß mich, Kätchen). Diese Parodie auf Shakespeares "Zähmung der Widerspenstigen" gestattete den beliebten Blick hinter die Kulissen und bot mit der rechten Hand wieder dar, was sie mit der linken travestiert hatte: vorzügliches Theater. Das Experiment hingegen, auf ähnliche Weise deutsche Musicals zu fabrizieren – zum Beispiel aus Zuckmayers Schauspiel "Katharina Knie" – es wollte nicht recht überzeugen.

Das amerikanische Musical verlangt, um "anzukommen", etwas, was wir nicht haben. Das sind Darsteller, die vieles zugleich und jedes vollkommen beherrschen: Sprechen und Singen, Tanzen und Akrobatik. Das deutsche Theater ist säuberlich geteilt nach Schauspiel, Oper und Operette, und innerhalb dieser "Gattungen" nach "Fächern". Der schwere Held kann nicht steppen, der Tanzsoubrette kann man nicht die Arien der Ersten Sängerin, einer Opernprimadonna keinen flüssigen Alltagsdialog zumuten. In Amerika ist das alles anders.

Hinzu kommt ein Begriff von Perfektion, eine Arbeitsdisziplin von der ersten bis zur tausendsten Vorstellung desselben Stücks, die im deutschen Ensembletheater aus mancherlei Gründen nicht zu erreichen ist. Hinter englisch-amerikanischen Spitzenleistungen steht oft die Drohung persönlicher Not als Alternative für den versagenden Darsteller. Was man bei uns negativ als sozial gestützte Routine, deutlicher als Schlamperei bezeichnen könnte, enthält freilich auch den Funken zur künstlerischen Improvisation und einen spürbar "menschlicheren" Darstellungszug als das fürs Musical gedrillte Spezialistentum.

Bezeichnend ist das Schicksal von "Kiss me, Kate" in Deutschland. Die Erstaufführung war seinerzeit an den Städtischen Bühnen in Frankfurt außergewöhnlich lange und sorgfältig geprobt worden. Am Werke, gemessen, blieb das Gesamtergebnis dennoch provinziell. Was seither unter demselben Werktitel über sehr viele deutsche Bühnen läuft, ist eine kleinere Ausgabe des Stücks mit herabgesetzten Forderungen.