New Delhi, im Mai

Das Institut für Meinungsforschung in Delhi führte kürzlich eine Umfrage nach den populärsten indischen Politikern durch. Der Spitzenkandidat war – wie vorauszusehen – Ministerpräsident Jawaharlal Nehru; ihm folgte mit einigem Abstand ein Mann, dessen Name im Ausland ziemlich unbekannt sein dürfte: Jaya Prakash Narayan, der zur Zeit die Bundesrepublik besucht und als Gast am Stuttgarter SPD-Parteitag teilnahm.

Narayan rangierte vor allen übrigen Parteipolitikern und Regierungsmitgliedern, obschon er seit Jahren nicht mehr am öffentlichen Leben teilnimmt und sich vorwiegend auf die indischen Dörfer konzentriert, um die Bauern von der Notwendigkeit einer freiwilligen Bodenreform zu überzeugen. Er wirkt ganz in der Stille, aber die Welt seines Wirkens ist indischer als die Bühne der großen Politik, auf der die Parteipolitiker agieren. Darin und in der seltenen Einheit seiner Lehre und seines Lebens liegt das große Ansehen dieses Mannes begründet, der sich wie kaum ein zweiter um die Verwirklichung der Gandhi-Ideale im unabhängigen Indien bemüht.

Wenn man Jaya Prakash Narayan persönlich begegnet, spürt man die gleichen Kräfte, die Mahatma Gandhi ausstrahlte. Nach langen Jahren des Sturm und Drangs, des ideologischen Suchens und revolutionärer Aktivität, hat Narayan seinen festen Standort gefunden; sein Denken und Handeln dreht sich jetzt darum, seinem Volk nach der Erringung der äußeren Unabhängigkeit den Weg zu einer politischen und wirtschaftlichen Lebensform zu weisen, die den indischen Traditionen gerechter wird, als dies – seiner Meinung nach – der Kommunismus oder die parlamentarische Demokratie vermögen.

"Wenn ich euch so ansehe" – hörte ich Narayan kürzlich einem großen Kreis indischer Politiker in Delhi sagen – "dann habe ich wenig Hoffnung, daß die Ideale Gandhis in diesem Lande verwirklicht werden. können. Aber" – fuhr er fort – "ihr zählt ja im Grunde gar nicht, und wenn ihr noch so gepflegtes Oxford-Englisch sprecht; denn der Parlamentarismus, den ihr betreibt, ist eine Fiktion, und die Stimmen, auf die ihr euch beruft, sind nicht gültig, weil nur ein Bruchteil unserer Landsleute weiß, warum er und was er wählt." Diese Feststellung klang aus dem Munde Narayans gar nicht provozierend, sondern eher wie die sachliche Diagnose eines besorgten Arztes; deshalb auch wohl hingen seine Zuhörer, obgleich sie sich manches sagen lassen mußten, was ihnen unbequem war, zwei Stunden lang wie gekannt an seinen Lippen.

Narayan hielt keine Rede, wie man sie von der pathetischen politischen Prominenz der Hauptstadt gewohnt ist – und auch kein Selbstgespräch, wie es Nehru manchmal öffentlich führt. Nicht ein einziges Wort diente der Effekthascherei, keine Banalität, nichts Überflüssiges wurde gesagt, jeder Satz enthielt Gedanken, die nachdenklich stimmten.

Die parlamentarische Demokratie – sagte Narayan – ist an bestimmte Voraussetzungen und Spielregeln gebunden, die in Indien nicht existieren oder die nicht gültig sind. Dazu gehört zum Beispiel, daß sich die Regierung einer ernstzunehmenden Opposition gegenüber verantworten muß. In Indien besitzt jedoch die regierende Kongreßpartei ein Machtmonopol, das die Herrschaft wenn nicht gar eines Mannes dann doch einer kleinen Minderheit ermöglicht. Die gegenwärtige Entwicklung in Indien führt zu einer immer stärkeren Konzentrierung von wirtschaftlicher und politischer Macht in den Händen eines ständig exklusiver werdenden Kreises von Menschen. Diese Techniker der Macht errichten um ihrer selbst willen ein Funktionärs-Regime, das jede innere Beziehung zur bäuerlichen Bevölkerungsmehrheit des Landes verliert.