Man kann bei dem Willen zu objektiver Wertung aus dem Stuttgarter Parteitag der SPD kein vereinfachendes Resümee ziehen. Der Vorstand sah sich mehrmals in die Defensive gedrängt. Eines der aufregendsten Beispiele dafür bot die dramatische Auseinandersetzung zwischen der fühlbaren Mehrheit des Kongresses und dem Wirtschaftsexperten Dr. Deist. Nach einer für den Vorstand negativen Debatte über die von ihm vorgelegte Resolution zur Wirtschaftspolitik, die von den in überkommenen Sozialisierungsvorstellungen befangenen Kritikern als unzureichend abgelehnt wurde, setzte Deist einen überraschenden Wandel dieser Meinung durch. Er verstand es, den anfangs unwilligen, aber, je länger er sprach, immer stärker ins Schwanken geratenden Verneinern seiner Konzeption klarzumachen, daß eine Überführung eines so großen Teils der Unternehmungen in Gemeineigentum, wie es ihnen vorschwebte, nichts weniger als mehr Freiheit für den Angestellten und Arbeiter herbeiführen würde. Und er warnte vor einer Kontrolle der Betriebe durch die Gewerkschaften. Damit würden diese ihre zentrale Aufgabe, die Interessen der Arbeitnehmer zu vertreten, aufgeben, sie würden ein öffentliches Organ werden, und das würde zu einem Gewerkschaftsstaat führen, der mit echter, freier Demokratie nichts mehr zu tun hätte. Mancher Gewerkschaftsvertreter im Saal mag diese Worte mit Erbitterung vernommen haben.

Mit ihrem Wirtschaftsprogramm versucht die Partei den Einbruch in die Mittelschichten, denen sie das Eigentum an den Produktionsmitteln garantieren will: Mit Nachdruck wurde vom Vorstand hervorgehoben, daß nur die ganz großen Unternehmungen, zunächst die der Energiewirtschaft, in Gemeineigentum übergeführt werden sollen. Wird dieser Appell die erhoffte Wirkung auf die mittleren Schichten erzielen? Wird nicht ein lange gewachsenes Mißtrauen, eine in gesellschaftlichen, gefühlsbedingten, ja ererbten Vorurteilen wurzelnde Abneigung jede Konzession, auch eine solche, für unglaubwürdig erklären? Und hat nicht die Aussprache gezeigt, wie stark auch bei der SPD ähnliche Vorurteile, dort freilich mit umgekehrtem Vorzeichen, sind und wie unwillig viele Delegierte die erwähnten Konzessionen an die mittlere Wirtschaft aufnahmen? Gewiß, die Rede Deists hat sie umgestimmt und die Partei hat nun in diesem Sinne beschlossen. Das ist ein ernst zu nehmender Tatbestand. Und trotzdem sieht es so aus, als ob es noch lange dauern dürfte, bis sich diese noch immer stark von ihrer Entstehung und Geschichte beeinflußte Partei zu jener realistischen Haltung durchringen wird, die eines gewissen Opportunismus nicht entraten kann, wenn sie Erfolg haben will. Die skandinavischen sozialistischen Parteien sind ihrer deutschen Schwesterpartei darin weit voraus. Mehr die Auseinandersetzungen als die Beschlüsse von Stuttgart geben Anlaß zu Zweifeln an der Schmiegsamkeit der SPD zu einem solchen Wandel.

Man kann darüber freilich verschiedener Meinung sein. Aber die SPD selbst hat den Zweiflern und erst recht den Propagandisten der Gegenseite ein Argument gegeben, dessen Gewicht wohl in ihren eigenen Reihen nicht unterschätzt werden dürfte: es ist die Wahl Herbert Wehners zum stellvertretenden Vorsitzenden, die faszinierende Wirkung, die von ihm auf einen so großen Teil der Delegierten ausging. Hätte man, wie es eine Zeitlang von Delegierten mit Gespür für solche Dinge propagiert wurde, die Zahl der stellvertretenden Vorsitzenden auf drei erhöht und etwa Carlo Schmid in ihre Reihe aufgenommen, dann wäre der psychologische Eindruck der Wahl Wehners anders. Da die Partei kein solches Gegengewicht zu Wehner geschaffen hat, wird es die SPD schwer haben, glaubhaft zu machen, sie hätte die Tür weit nach rechts geöffnet. Str.