Und da wir einmal bei den Erinnerungen sind: wie war es denn, als der heutige Herzog von Windsor die Krone Englands niederlegte? Weil die deutschen Zeitungen – getreu nach dem Regierungsmotto ‚Nichts Abträgliches! Nichts, was unsere Beziehungen stören könnte!‘ – über die Privatsachen des britischen Königs geschwiegen hatten, waren die Deutschen (soweit ihnen ausländische Zeitungen nicht erreichbar waren) höchst verblüfft, als plötzlich aus der "Privatsache" eine "Staatssache" geworden war, nämlich der Verzicht auf einen Thron ...

Da sah man, daß allzu große Schweigsamkeit – zumal staatliche befohlene – ebenso von Übel ist wie allzu große, indiskrete Geschwätzigkeit! Übrigens brauchen angesichts des Entwurfes zur "Lex Soraya" unsere Erinnerungen gar nicht über "tausend Jahre" hinwegzueilen: Ein paar Jährlein sind es, daß wir in der Redaktion dieses unseres Blattes über einen Bericht unseres Freundes Indro Montanelli beraten mußten: Er war nach Argentinien gereist und schrieb über Perón allerlei pikante, lockere Sachen, die wir für Szenen höchst privater Natur hielten. Da wir uns einer Meinung mit jenen Lesern fühlten, denen Klatsch und Tratsch ein Greuel sind – mit Recht, mit gutem Recht! – so merkten wir nicht, daß hier aus den ‚Geheimnissen am Hofe zu Buenos Aires‘ der Sturz des Diktators prophezeit werden konnte.

Durch diesen Fall gewitzigt, würde ich wohl – der "Lex Soraya" zum Trotz – zukünftig so etwas drucken und mich darauf verlassen, spätestens in dem Moment aus dem Gefängnis zurückzukehren, in dem – nein, nicht die Wahrheit erwiesen wäre (auf die kommt es ja nicht an), sondern der praktische politische Nutzen jener Veröffentlichung zutage träte.

So ärgerlich die Sensationsberichte mancher Blätter sind, so ärgerlich sie zumal den Regierungen werden können – genau so ärgerlich ist, daß die Regierungen, je länger, je lieber, die Angewohnheit entwickeln, sich das Regieren leicht zu machen, indem sie hier ein Verbot, dort ein Verbuchen aussprechen, hier einen Ehrenschutz für Beamte vom Amtsrat oder Ministerialrat an aufwirts statuieren, dort den Unbequemen einen Maulkorb oder ein Kettchen anhängen. Was durch die grüne "Lex Soraya" geschähe – käme sie durch – würde sich zu einem dürren Wald von Paragraphen auswachsen. Und davor möge der Geist der Demokratie die Regierenden und die Rtgierten schützen!