Von R. W. Leonhardt

Frage an Professor Higgins: Betreiben Sie Ihre Phonetik eigentlich als musikalische Unterhaltung, um damit Geld zu verdienen? – Antwort des Professors: Ich habe schon daran gedacht. Vielleicht mache ich es eines Tages wirklich. (Shaws Pygmalion, 1. Akt)

Wer gerade aus England zurückgekehrt ist, hätte vielleicht dies und jenes über die Aussichten der englischen Regierung mitteilen können oder über die kühnen Theorien des Sir Stephen King-Hall. Auch über die gerade anlaufende Saison im Shakespeare-Theater von Stratford gäbe es einiges zu sagen oder über John Osbornes Erstling, "An Epitaph for George Dillon", was sinngemäß etwa mit "Ein Nachruf auf mich selber" zu übersetzen wäre und damit schon im Titel für ein erstes Stück einige Originalität verrät.

Ein andermal vielleicht. Denn wo immer ich hinkam, fragten die Freunde und lieben Bekannten als erstes: Sie haben My Fair Lady gesehen – wie war es denn nun wirklich? Sei’s drum.

My Fair Lady – falls es wirklich noch jemanden gibt, der sich die Unschuld der Ignoranz bewahrt hat – ist die "Vermusikalisierung" des Shaw-Dramas "Pygmalion" durch Alan Jay Lerner (Textdichter, bekannt durch Brigadoon, Paint Your Wagon, Love Life – mit Musik von Kurt Weill, An American in Paris), durch Frederick Loewe (Komponist, der schon für die beiden zuerst genannten Lerner-Musicals die Musik gemacht hatte) und Moss Hart (selber Stückeschreiber, aber auch – wie hier – Regisseur).

Shaws "Pygmalion" als Musical – ein deutsches Wort zu gebrauchen, wäre irreführend, weil es kein treffendes Wort geben kann, wo es das dazugehörige Ding nicht gibt – dieses Musical schien prädestiniert, in London durchzufallen. Aus vier triftigen Gründen:

1. Ernst zu nehmende Kritiker (oder Theaterbesucher) müssen selbst in England fürchten, nicht mehr ernst genommen zu werden, wenn sie ein Musical ernst nehmen oder – was heißt schon "ernst nehmen"? – überhaupt hingehen.