Wir berühren hiermit das für Deutschland brennendste Problem. Im heutigen Artikel möchte ich es, mit einer gewissen Absicht, nur unter dem Weltaspekt besprechen: als Teil der Verteidigungsplanung der ganzen westlichen Welt und in seiner Beziehung zum Problem des atomaren Chaos. Wir müssen uns diese Aspekte ganz deutlich machen, ehe wir auf unsere nationalen Gesichtspunkte zurückkommen.

Der Wunsch nach einer atomaren Bewaffnung der NATO hat einen militärischen und einen politischen Grund. Ich habe den bestimmten Eindruck gewonnen, daß der politische Grund der entscheidende ist.

Die militärsiche Notwendigkeit dieses Wunsches ist mir, obwohl ich viele Gespräche darüber geführt und angehört habe, nicht ganz durchsichtig geworden, weder unter der bisherigen, noch heute herrschenden "Schwert und Schild"-Konzeption der NATO, noch im Rahmen der bisher von der NATO nicht übernommenen Auffassung der abgestuften Abschreckung.

Die "Schwert und Schild"-Theorie ist eine Form der Lehre von der massiven Vergeltung. Die strategische Luftwaffe ist das "Schwert." Sie soll die Sowjetunion im Falle eines sowjetischen Angriffs tödlich treffen. Ihre Basen in Europa brauchen aber einen Schutz gegen die überlegenen russischen Panzer-Armeen, der solange halten soll, bis die russische Schlagkraft durch die Luftangriffe gebrochen ist. Diesen Schutz gewähren die beweglichen NATO-Streitkräfte, der "Schild". Historisch ist diese Auffassung dadurch entstanden, daß man eine Schwäche und eine Stärke kombiniert hat: die Schwäche der europäischen NATO-Divisionen mit der Stärke der nuklear ausgerüsteten strategischen Luftwaffe. Erst die Erkenntnis, daß der NATO-Schild nicht stark genug ist und wird, um einem massierten russischen Angriff standzuhalten, hat die Planung auf die massive Vergeltung mit dem nuklearen Schwert konzentriert und den Schild nicht als Schild der europäischen Länder, sondern nur noch als Schild dieses Schwertes auffassen gelehrt.

Obwohl diese Auffassung alle zur Genüge besprochenen Schwächen der "massiven Vergeltung" hat, ist sie ihrer Entstehung nach nicht unlogisch. Die Unterlegenheit Westeuropas in konventionellen Waffen wird zwar so weit auszugleichen sein, daß eine lokale Grenzverletzung – sagen wir eine Besetzung von Wolfsburg durch die sowjetzonale Volksarmee – mit konventionellen Waffen abgewehrt werden kann, sofern hinter dem Angriff nicht die Bereitschaft des Sowjetblocks zum großen Krieg steht. Einem großen sowjetischen Angriff, selbst wenn er nur mit konventionellen Waffen geführt würde, wird ein konventionell verteidigtes Westeuropa aber schwerlich standhalten können. Die Bereitschaft, sich mit bloß taktischen Atomwaffen zu verteidigen, wird gerade in Europa dieses Kräfteverhältnis nicht wesentlich verändern, denn sie würde dem Gegner jedes Motiv nehmen, auf den Einsatz seiner eigenen Atomwaffen zu verzichten.

Ein begrenzter Krieg mit taktischen Atomwaffen wiederum wird überall leichter auszufechten sein als in Europa, das so verletzlich und sowohl für die Sowjetunion wie für die westliche Welt (einschließlich Amerika) von so vitaler Wichtigkeit ist. Gerade in Europa legt sich daher eine Auffassung nahe, die das Patt der großen Waffen zur völligen Verhinderung jeder gewaltsamen Verschiebung der Machtgrenzen zu verwenden sucht. Ich diskutiere daher das europäische Problem, ohne hier eine Entscheidung zwischen den rivalisierenden Auffassungen der massiven oder der abgestuften Abschreckung zu fällen. Beide Auffassungen aber scheinen mir wenigstens auf die lange Sicht die atomare Aufrüstung der europäischen NATO-Kontingente nicht mit militärischer Notwendigkeit zu fordern.

Gewiß verlangt die Konzeption eines großen Bewegungskriegs, in dem die Schild-Streitkräfte das Schwert schützen sollen, eine hohe Schlagkraft des Schildes, der ja einer großen sowjetischen Überlegenheit wenigstens eine Weile standhalten soll. Die volle dafür nötige Ausrüstung der Schild-Streitkräfte kann aber erst in einigen Jahren geliefert werden. In nicht viel mehr Jahren wird aber auch die Raketenwaffe soweit entwickelt sein, daß das Schwert, von einer weit zurückliegenden Position aus geschwungen werden kann und des Schildes nicht mehr bedarf. Wenn die westliche Welt dann darauf trauen wird, daß das Patt der großen Waffen Europa effektiv schützt, so werden die betreffenden Raketenbasen, einem Bewegungskrieg zunächst unerreichbar, in Amerika, oder, solange die Raketen noch nicht so weit reichen, zum Beispiel in Island, Schottland und Malta stehen können.