C. W., Leipzig

Wie eine Arche Noah des deutschsprachigen Buches steht das gewaltige Gebäude der Deutschen Bücherei beim Leipziger Messegelände. Hier, am Deutschen Platz, ist auf Dachböden und Speichern bis auf wenige Ausnahmen alles gesammelt, was seit 1912 in unserer Sprache an Büchern und Zeitschriften gedruckt wurde – ein Labyrinth für den flüchtigen Benutzer, eine Wohnstatt für den täglichen Bibliotheksbesucher.

Hier liegt auch jene Bibliothek der Nationalversammlung von 1848, die als zukünftige "Reichsbibliothek" gedacht war und dann über Nürnberg nach Leipzig kam: rund 4500 Bände. Wer den kleinen Raum mit den Regalen an allen vier Wänden betritt, besichtigt Vergangenheit, aber er denkt an die Zukunft, an jene Bibliothek, die einmal einer anderen deutschen Nationalversammlung zu Berlin zur Verfügung stehen wird, wenn die Wiedervereinigung kommt...

Heute ächzt die Arche Noah des deutschen Buches unter der Spaltung. Nur 60 Prozent aller Neuerscheinungen in der Bundesrepublik werden von den Verlegern nach Leipzig geschickt. Einige Verlage wissen wohl nichts mehr von der Verpflichtung, die alle Mitglieder des Börsenvereins des deutschen Buchhandels bei der Gründung der Bücherei im Jahre 1912 eingingen, je ein Pflichtexemplar nach Leipzig zu schicken. Andere glauben, die Bücher kämen ja doch nie an oder wirden nicht der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Büchereidirektor Fleischhack, ein Mitglied cer Zonen-CDU, versichert heilig, jedes Buch aus dem Westen werde, öffentlich ausgelegt. Und er bemüht sich, widerspenstige westdeutsche Verlage zu überreden, doch ihrer Pflicht nachzukommen – einer Pflicht, die eigentlich jeder Verleger guten Gewissens erfüllen könnte.

Denn es ist nicht nur wichtig, die Deutsche Bücherei aktuell zu halten. Man sollte auch in die Studenten und die anderen Bibliotheksbenutzer denken, die sich die westdeutsche Literatur in den hohen Lesesälen ausleihen. Von überall pilgern sie nach Leipzig, um dort einmal freie Leseluft zu schnuppern. Mitnehmen dürfen sie die Bücher nicht, aber sie erhalten doch Einblick in die sonst verbotene Literatur.

Aber es geht ja nicht nur um die Leser in der Zone. Die Bücherei vermittelt die gesamte deutschsprachige Literatur in die Ostblockländer. Aus Polen, China kommen Anforderungen. Dort verlangt man Bücher aus beiden Teilen Deutschlands. Und klingt es nicht beschämend, wenn dann die Leipziger Deutsche Bücherei, der aufgetragen wurde, das gesamte deutschsprachige Schrifttum zu sammeln, Peking oder Warschau mitteilen muß, es habe die Neuerscheinung nicht, weil sie von einem deutschen Verleger nicht in die deutsche Stadt Leipzig geliefert wurde? Sind wir uns schon so fremd geworden?

Hier in Leipzig weiß man, daß in Frankfurt an Main ein neues Haus der Deutschen Bücherei gebaut wird. Es wäre den Leipzigern angenehmer, sie könnten selbst Anbauten für ihre Deutsche Bücherei schaffen. Platz ist dafür genügend vorlanden – hier, am "Deutschen Platz", in der Großstadt Leipzig, die immer noch im Herzen Deutschlands liegt...