RH-Hamburg

Wenn man zwischen 1923 und 1933 auf mich gehört hätte, wäre keinem Juden ein Haar gekrümmt worden. Das ist der Grund, warum ich den Brief geschrieben habe."

Der Grund, warum der 1883 geborene Main, der das behauptet, dieser Tage vor dem Hamburger Amtsgericht stand, war eben jener Brief, den er vor einigen Wochen an Willy Haas, den Senior-Kritiker der WELT, geschickt hat. Das Schreiben – vier eng betippte Seiten, überschrieben Die Judenfrage – enthält gröbste Beleidigungen. Willy Haas stellte Strafantrag.

In Zimmer 192, das den Charakter einer Schulklasse hat, sind ein junger Richter, zwei Schöffen, einige Journalisten, drei oder vier Zuhörer. Auf der Bank vor dem Richtertisch sitzt der Angeschuldigte, ein schmächtiger alter Mann mit einem winzigen grauen Kopf. Er trägt einen korrekten dunkelblauen Anzug. Auf die Frage nach seinem Namen reagiert er zunächst nicht. Er ist schwerhörig und hat keinen Apparat mitgebracht, der ihm ermöglichen würde, alles zu vernehmen, was hier verhandelt werden soll.

"Ihr Beruf?"

"Hunderteinunddreißiger."

Das will besagen, Herr v. W. lebt von einer staatlichen Pension. Er wurde nach dem ersten Weltkrieg als Major verabschiedet. "Und was haben Sie zwischen den Kriegen gemacht?" – "Bitte?" Die Frage wird noch lauter wiederholt.