Je weniger Atommächte es gibt – um so stabiler könnte eine internationale Ordnung sein

Ein Jahr nach dem "Göttinger Appell" der deutschen Atomwissenschaftler hat Professor Carl Friedrich von Weizsäcker alle verfügbaren Fakten und Informationen über das komplizierte Atcmproblem und dessen politisch-strategischen Aspekte in einem klärenden Bericht zusammengetragen. Die beiden ersten Teile, die sich mit den Aussichten für Teilabrüstungsvereinbarungen und der Lehre von der "abgestuften Abschreckung" beschäftigten, hat die ZEIT in Nr. 20 und 21 veröffentlicht. In der heutigen Fortsetzung seines "Atomberichts" untersucht C. F. von Weizsäcker die Gefahren einer internationalen Atomanarchie und die Mittel zu deren Verhinderung. Zugleich setzt er sich mit der Frage auseinander, ob es notwendig ist, die europäischen NATO-Kontingente mit Atomwaffen auszurüsten. Weizsäcker hält eine solche Ausrüstung nur für eine Verlegenheitslösung.

Wenn die große Abrüstung nicht kommt – oder vielleicht damit sie am Ende kommen kann – ist eine drastische Einschränkung nationaler Souveränitäten notwendig. Damit wird durch die Atomrüstung nur eine Tatsache unterstrichen, die aus der technisch-organisatorischen Entwicklung der Welt auf allen Gebieten ohnehin folgt. In Expertenkreisen (auch und sogar gerade, wenn sie Waffenexperten sind) ist dieses Bewußtsein viel weiter fortgeschritten als in den Völkern und wohl auch in den Parlamenten.

Wesentlich verschiedene Probleme stellt die Einschränkung der Souveränität der Weltmächte selbst und die aller anderen Nationen. Der Lilienthal-Baruch-Plan der internationalen Atomkontrolle hat 1946 der erhofften Entwicklung weit vorgegriffen. Heutige Realisierungsmöglichkeiten, die ich habe erörtern hören, sind teils negativ: Vermeidung des "atomaren Chaos", Einfrieren des Status quo, teils positiv: internationale Zusammenarbeit, Stärkung der Vereinten Nationen.

1. Das atomare Chaos

Solange nur USA und UdSSR die Atombomben hatten, sprach man vom Problem des dritten Landes. Seit. Großbritannien ebenfalls die Bomben besitzt, ist das unhöflich geworden, und um neue, heranrückende Mißgeschicke für die Nomenklatur zu vermeiden, spricht man vom "Problem des n-ten Landes", wobei für n irgendeine ganze positive Zahl eingesetzt werden kann.

Die unmittelbaren Sorgen richten sich auf Frankreich. Ein sehr intelligenter, zu unorthodoxem Denken fähiger Russe wollte mir nicht glauben, daß Amerika die französische Atombombe nicht wünsche; er meinte, wenn dies so wäre, dann würde Amerika doch Mittel haben, sie zu verhindern. Dies zeigt, wie schwer es ist für ein an der kommunistischen Struktur herangebildetes Denken, die politische Struktur der westlichen Welt zu verstehen. Tatsächlich habe ich nirgends in Amerika eine wirkliche Billigung der französischen oder auch nur der englischen Atomrüstung gefunden; nur die Einschätzung der mit diesen nationalen Rüstungen verbundenen Gefahren war verschieden. Die atomare NATO-Rüstung ist in dieses Urteil natürlich nicht einbezogen; über sie nachher.