Seit August 1957 sind die Kurse auf dem Aktienmarkt ziemlich stetig gestiegen. Der Kursindex des Statistischen Bundesamtes (Ende 1953 – 100) erreichte im Durchschnitt des Monats April 1558 einen Wert von 210,3. Das sind nur noch 4 1/2 Indexpunkte weniger als im September 1955. Damals waren die Aktienkurse auf ihrem Nachkriegshöciststand. Es ist also begreiflich, wenn in den Börsensälen jetzt immer häufiger gefragt wird: Haben wir auch heute wieder den höchsten Stand erreicht? Sollte man nicht besser verkaufen, um einen möglichen Kursrücklauf zu entgehen, um also später billiger zurückkaufen zu können? Niemand wird heute diese Frage eindeutig mit ja oder nein beantworten können; aber es fällt auf, daß diejenigen, die berufsmäßig Börsenprognosen verkaufen, für das gegenwärtige Kursniveau noch keine Gefahr sehen, "wenn nicht außergewöhnliche Ereignisse eintreten".

Um so bemerkenswerter ist deshalb eine Publikation der Deutschen Bank, die sich mit der langfristigen Entwicklung der Aktienkurse befaßt. Sie kommt zu dem Schluß, daß die Aktien – legt man ihren Ertragswert zugrunde – entschieden zu hoch notiert werden, Bei ihrer Berechnung ist die Deutsche Bank von einem "landesüblichen" Zinssatz von 6 3/4 v. H. ausgegangen. Wenn man diesen Satz gleich 100 setzt, kommt man bei der vom Statistischen Bundesamt ermittelten Durchschnittsdividende von 8,89 v. H. zu einem Ertragswert der Aktien Ton rund 132 v. H. Der Ende März veröffentlichte Durchschnittskurs belief sich dagegen auf 197,5 v.H.

Nun ist es noch nie so gewesen, daß sich die Börse allein am Ertrag der Aktien orientiert tat; die Aktienkurse werden stets noch von einer Reihe weiterer Faktoren beeinflußt, die oftmals ein viel größeres Gewicht haben als Ertrag oder Rendite. In der Untersuchung der Deutschen Bank wird deshalb auch auf die übrigen Komponenten eingegangen, die im wesentlichen "schuld" an der hohen Aktienbewertung sind. Aber auch dieser Teil der Analyse ist auf "Moll" gestimmt.

Zu den Auswirkungen des ermäßigten Körperschaftsteuersatzes für ausgeschüttete Gewinne von 30 auf 11 v. H., wie er im Gesetzentwurf vorgesehen ist, bei einer gleichzeitigen Erhöhung des Satzes für die einbehaltenen Gewinne von 45 auf 47 v. H. serviert die Deutsche Bank eine Berechnung, die darauf hinausläuft, daß – unter der Annahme gleichbleibender Nettogewinne und Ausschüttung der Hälfte des erzielten Gewinnes – die Dividende nur um 12,7 v. H. steigen kann. Allerdings, so wird eingeräumt, ist bei der Berechnung der Umstand unberücksichtigt geblieben, daß manche Gesellschaft künftig einen größeren Anteil des Reingewinns ausschütten wird als bisher, so daß der Ertragswert weiter nach oben korrigiert werden müßte. "Um wieviel, daß muß jedoch der Phantasie der Börsen überlassen bleiben, weil Erwägungen über die zukünftige Verteilung des Reingewinns sich einer mathematischen Berechnung entziehen."

Ein anderer Faktor, den die Deutsche Bank für die hohen Kurse verantwortlich macht, sind die Hoffnungen auf Ausgabe von Gratis- (oder Aufstockungs-)Aktien. "Es grenzt hart ans Groteske", so wird geschrieben, "wenn nun die auf Gratisaktien ‚verdächtigen‘ Werte an der Börse höher bezahlt werden, denn durch die Ausgabe von Gratisaktien wird das Vermögen der Aktionäre um keinen Heller vermehrt." Das letztere ist ohne Zweifel richtig. Insgesamt ist die Feststellung deshalb reichlich theoretisch, weil sie nur dann aufgeht, wenn künftig für die Gewinnverteilung lediglich der gleiche Betrag wie bisher zur Verfügung steht. Die Börse hofft jedoch, daß die eine oder andere "gratisaktienverdächtige" Gesellschaft in der Lage sein wird, eine relativ höhere Dividende auszuschütten bzw. sogar den bisherigen Dividendensatz beizubehalten. Das liegt auf alle Fälle dann im Bereich der Möglichkeiten, wenn sich bisher eine Verwaltung aus "optischen Gründen" gescheut hat, ihren Dividendensatz über beispielsweise 12 v. H. zu erhöhen.

Daß jedoch Kurse vieler "Zuwachsaktien-Anwärter" als gefährlich hoch erscheinen, wird auch von anderen Stellen vermerkt. Erstens besteht nach wie vor Ungewißheit über den Termin des Inkrafttretens des entsprechenden Gesetzes (durch den Widerstand einiger Verbände gegen die in dem Gesetz gleichfalls enthaltenen Bestimmungen über die erhöhte Publizität der Gewinn- und Verlustrechnung wird die Verabschiedung nicht beschleunigt), zweitens liegen erst sehr wenige positive Erklärungen der Gesellschaften vor, und drittens muß man von Fall zu Fall prüfen, ob künftig ein höherer Gewinn als bisher ausgeschüttet werden kann. Denn nur dann ist eine Höherbewertung der Aktie gerechtfertigt.

Diese Erkenntnisse scheinen sich mehr und mehr durchzusetzen, denn um die Gratisaktien-Anwärter ist es in den letzten Tagen in den Börsensälen merklich stiller geworden. Kurt Wendt