London, im Mai

Mein Freund Derrick G. kaufte sich ein Auto, weil gebrauchte Wagen billig wie Sandwichs sind. Derrick war bis dahin ein unscheinbarer Fußgänger, ein durch keine Seekrankheit unterzukriegender Bus-Benutzer, ein Untergrundbahnfahrer aus Leidenschaft. Nunmehr ist er Eigentümer und Chauffeur eines etwas schäbig aussehenden alten Taxis, dessen Motor nicht mehr ganz einwandfrei ist.

Er benutzt die alte Kiste wie andere ihren Rolls Royce. Wenn er mit seiner Freundin ausfährt, muß sie allein hinten sitzen, weil die Londoner Taxis vorn nur für einen Mann Platz haben und der Rest der Kilometeruhr und dem Gepäck gehört. Derrick hat die Uhr natürlich abmontiert. An ihrer Stelle prangt ein großes Schild mit einem blutig-roten "L": Das bedeutet Lerner und versetzt die Fußgänger in Schrecken.

Derrick mußte eines Tages an einer Verkehrsampel in Piccadilly warten. Da riß ein kleiner afrikanischer Herr, der sehr elegant gekleidet war, die hintere Tür auf, kletterte in den Wagen und rief: "Zur Ghana Embassy!"

Derrick konnte den Mann, dessen Hautfarbe schwarz war, im Dämmerlicht des Wagens zunächst gar nicht sehen. Offensichtlich hielt er das Auto für ein öffentliches Taxi, das ihn zur Gesandtschaft des neu gegründeten Commonwealth-Staates Ghana, der vorher Goldküste hieß, bringen sollte. Derrick wollte gerade energisch den Kopf schütteln, als die Verkehrslichter auf Grün wechselten und er Gas geben und über die Kreuzung hinwegfahren mußte, um kein Hupkonzert fahrbereiter Wagen hinter sich zu verursachen.

Er versuchte seinem Fahrgast über die Schulter zu erklären, daß er dieses Taxi zu seinem eigenen Vergnügen besäße und der Herr Mitfahrer im Irrtum wäre, wenn er ihn für einen Taxichauffeur halte. Der dunkle Herr aber verstand nichts und wiederholte lediglich mit sich steigernder Lautstärke zwei Worte: "Ghana Embassy!"

Derrick suchte verzweifelt nach einer Parkmöglichkeit. Überall winkten Polizisten, die den Verkehr flüssighalten mußten. Das ging so bis zum Piccadilly Circus, wohl dem größten Verkehrs-Marmeladentopf im westlichen Europa. Derrick hatte keine Zeit mehr, dem afrikanischen Gentleman Erklärungen zu geben, die er doch nicht verstand. Der Versuch, den Wagen nur für eine Minute zu parken, war hoffnungslos, denn die Verkehrslampen und Polizistenarme tanzten zu dieser Stunde, der Rush-hour (des Spitzenverkehrs) Rock’n’Roll.