r. g., Stuttgart

Der Kidnapper-Prozeß in Stuttgart wird nicht stattfinden. An Stelle eines Urteils gab es ein Begräbnis. Nach dem Abschluß der polizeilichen Ermittlungen hat sich der Entführer, Erpresser und Mörder Tillmann in seiner Zelle erhängt. Da er jede Mitwisserschaft seiner Freundin bestritten hatte und die Indizien gegen sie nicht ausreichen, wird der Schlußstrich unter das scheußlichste Verbrechen seit Jahrzehnten, die Entführung und Ermordung des siebenjährigen Joachim Goehner, nicht im Gerichtssaal gezogen.

Über die Ermittlungen ist in Stuttgart und anderswo manches harte Wort gefallen, und je unbestimmter und zurückhaltender die Äußerungen der Polizei waren – Selbstkritik war deren Stärke nicht –, desto weiteren Spielraum hatten die Phantasie und die Spekulationen. Die Publizität des Falles ist es aber schließlich zu danken, daß der Mörder gefaßt wurde. Freilich hat sie inzwischen zu einer regelrechten Psychose geführt. In den letzten Wochen häuften sich die Entführungsversuche, die vom abgekarteten Spiel zwischen einer Vierzehnjährigen und einem jungen Burschen bis zum makabren Scherz reichten. Dieselbe Publizität hat aber auch den Eltern zur Mahnung gedient – hat ihnen gezeigt, daß es nicht genügt, die Kinder vor den „guten Onkels“ zu warnen, sondern daß es darauf ankommt, ihnen im Elternhaus eine Atmosphäre der Geborgenheit und des Vertrauens zu schaffen.

Dies ist die ganz unsensationelle Folgerung aus einem Sensationsfall: weder die Erziehung zu blindem Gehorsam noch die materielle Verwöhnung zu Hause reichen aus, die Kinder gegen Verlockungen Fremder immun zu machen. Vertrauen zu den Eltern ist noch immer das sicherste Mittel, die Kinder zu bewahren.