Von René Drommert

Das Ballett ist eine Kunst, die eigentlich nur ist, wenn sie triumphiert. Es wurde in unserem Jahrhundert nach Amerika exportiert. Dabei spielte sich zwischen den Kontinenten ein höchst bemerkenswertes und reizvolles Spiel ab. Während das Ballett, an das sich so berühmte Namen wie Fokin, Anna Pawlowa und Mordkin knüpften, über den Atlantischen Ozean westwärts steuerte, wurde aus San Franzisko nach Europa die größte Eifererin gegen das Ballett exportiert: Isadora Duncan.

Sie tanzte, sich auf die Natur und Griechenland berufend, barfuß und schrieb das Buch "Der Tanz der Zukunft" – das Werk, das bei uns in den Augen der einen die Anarchie der Kunst begründete, in den Augen der anderen eine Art "Bibel" war. Alle Vertreter des "Ausdruckstanzes", wie Rudolf von Laban, Mary Wigman und Gret Palucca, beriefen sich auf die geliebte monomanische Naturanbeterin aus den USA.

War die Konstellation, wenn man – weder "im Zorn" noch in der Verzückung – zurückblickt, für Amerika günstig? Hat die Neue Welt mit dem Ballett, das es seit der Renaissance in Italien, Frankreich und Rußland zu höchster Prachtentfaltung und jubilierender Daseinsbejahung gebracht hat, etwas anfangen können? Hat es, nachdem es den Puritanismus des 19. Jahrhunderts überwunden hatte, nur begafft und bewundert? Oder hat es sich angeeignet und "anverwandelt" und weiterentwickelt? Hat es einen "amerikanischen Stil" entfaltet?

Das wollten wir doch wissen, als das in New York beheimatete "American Ballet Theatre", auf dem Wege zwischen Warschau und der Brüsseler Weltausstellung, auch in der Hamburgischen Staatsoper gastierte. Das Programm bot im ersten Teil "Thema und Variationen" (nach Tschaikowskijs dritter Suite für Orchester). Der Choreograph dieses Werkes, das 1947 in New York uraufgeführt wurde, ist George Balanchine, der berühmte Ballettmeister, der ursprünglich Balanchivadze hieß, auf Vorschlag seines großen Protektors Diaghilew seinen Namen änderte – und der aus Stalins Heimat stammt, aus Georgien.

"Thema und Variationen" ist, in verstaubter Barock-Dekoration getanzt, von seltsamer choreographischer Dürftigkeit, vielfach nach geometrischen Gesichtspunkten aufgebaut, die zwar dem Tanz verwandt, aber noch nicht tänzerisch sind. Danach sollte man jedoch nicht das Ganze beurteilen. Wir wollen nicht die Schwächen ermitteln, sondern erfahren, ob die Stärke stark ist.

Die letzte Darbietung, "Interplay" (Zwischenspiel), ein Ballett des Amerikaners Jerome Robbins (nach Musik von Morton Gould), 1945 uraufgeführt, ist das Modernste des Abends. Es ist kurz und hat Anregungen von Kinderspielen aufgenommen. Das Tutu (Ballettröckchen) ist heutiger Kleidung gewichen. Theatralische und optische Elemente mischen sich mit tänzerischen. Während zum Beispiel an der verdunkelten Rampe Tänzer mit den Fingern schnalzen, sieht man in der Mitte der Bühne klassische Pirouetten. Es ist ein Gemisch von vitaler Fröhlichkeit und Frische, noch nicht bedeutend – und doch läßt sich von lier aus vielleicht weitergehen.