Die Sozialdemokraten wollen aus dem Trott der bürokratischen Routine heraus

Hat die SPD sich in Stuttgart radikalisiert? Oder hat sie sich reformiert? Ist sie nach links abgerutscht oder hat sie sich nach rechts durchgemausert? Es scheint charakteristisch für den Parteitag, wie verschieden die Antworten auf diese Fragen je nach Blickpunkt und Brille des Betrachters ausfallen. Der eine sieht erschüttert die deutsche Sozialdemokratie auf der schiefen Ebene, die von der hohen demokratischen Ausgangsposition in die Niederungen eines verantwortungslosen Extremismus führt. Der andere registriert hoffnungsvoll Anzeichen jener inneren Erneuerung, die sie in Stand setzen sollte, sich wirksamer, selbstbewußter, aussichtsreicher jedem politischen Wettbewerb zu stellen, der das Wesen der Demokratie ausmacht.

Natürlich mischt sich diesen widerstreitenden Deutungen viel Zweckpessimismus und Zweckoptimismus bei. Die Gegner der SPD haben ein begreifliches Interesse daran, die Partei nun erst recht rot in rot zu malen: das Thema der "Radkalisierung", vom Bundeskanzler in Jülich in kräftigsten Tönen angeschlagen, ehe noch der Parteitag zu Ende war, gibt eine vielversprechende Fanfare für die bevorstehenden Landtagswahkämpfe ab. Und umgekehrt: in der SPD muß Interesse daran bestehen, den Wähler mit der Zuveisicht zu erfüllen, daß in der großen Linkspartei ein neuer Geist Einzug gehalten habe, damit sie einem größeren Kreise attraktiver erscheine als bisher.

Aber das ist keineswegs die ganze Wahrheit. Auch wenn man die gewollten und gezielten taktischenInterpretationen abzieht, bleibt genug des Widersprüchlichen übrig. Das Ergebnis des Stuttgarter Parteitages läßt sich eben der Sache nach nicht auf einen einfachen Nenner bringen. Wer den Verlauf des Kongresses aus der Nähe miterlebte, der konnte deutlich das verwirrende Spiel von Strömungen und Gegenströmungen verfolgen, den oft erstaunlich raschen Umschlag der Atmosphäre, das Nebeneinander und Ineinander des Unvereinbaren. Ein Parteitag wird eben auch von Impulsen beherrscht, die sich nicht ohne weiteres den Gesetzen einer strengen politischen Logik einfügen. Je nach den Eindrücken des Augenblicks läßt so eine Versammlung sich nach dieser oder jener Richtung biegen: wo sie einen entschlossenen Willen spürt, da läßt sie sich willig mitreißen, einmal auf diese und ein andermal auf jene Seite.

Das trat in Stuttgart so besonders zutage, weil dort ein Impuls die Delegierten besonders bewegte: das Bedürfnis nach Führung. Der Wunsch, endlich aus dem Trott der bürokratischen Routine herauszukommen, eine "Linke" und "Rechte", "Radikale" und "Gemäßigte". Er inspirierte jenen Aufstand gegen den "Apparat", der in der leidenschaftlich geführten Organisationsdebatte ausbrach, mit einer schweren Niederlage des bisherigen Parteivorstandes endete. Und dem schließlich bei den Vorstandswahlen so alte Funktionäre wie Fritz Heine und Herta Gotthelf weichen mußten, weil man des Regiments der betriebsamen Mittelmäßigkeiten einfach müde war.

Das Bedürfnis nach Führung

Nicht um "Tendenzen" ging es dabei in erster Linie, sondern um Persönlichkeiten. Wer dem Parteitag den Eindruck vermitteln konnte, er habe einen Weg zu weisen, konnte der Zustimmung sicher sein – daß diese Wege gar nicht alle in dieselbe Richtung wiesen, störte die Delegierten nur wenig. Sie schauten mehr darauf, wer einer sei, als was er vertrete. Eine begreifliche Reaktion, die aber zu seltsamen und nicht leicht unter einen Hut zu bringenden Ergebnissen führte.