Der Vorstand der Farbwerke Hoechst AG, vormals Meister Lucius & Brüning, bemüht sich seit langer Zeit um Publizität und damit um die Schaffung eines Vertrauensverhältnisses zwischen Verwaltung und den Aktionären. Im Verlauf des Jahres werden Aktionärbriefe an die Anteilseigner versandt; sie bekommen Geschäftsberichte u. ä., so daß jeder Aktionär laufend über das Werk unterrichtet ist. Bei der Herausgabe der Bilanz, aber auch in der Zwischenzeit, stellt sich der Vorstand regelmäßig der Wirtschaftspresse, gibt ihr über alle Vorgänge eingehenden Aufschluß und beantwortet bis ins einzelne alle, Fragen mit dem Erfolg, daß auch in den Zeitungen und Zeitschriften regelmäßig kritische Betrachtungen und eingehende Bilanzanalysen über die Farbwerke Hoechst erscheinen. Das trägt seine Früchte, wie die letzte Hauptversammlung gezeigt hat. Es kam im Anschluß an den Rechenschaftsbericht des Vorstandsvorsitzenden, Professor Winnacker, in dem nochmals alle wichtigen Jahresereignisse behandelt wurden, zu einem lebhaften Frage- und Antwortspiel zwischen Aktionären und Verwaltung. Dabei wurden einfache und schwierige Fragen gestellt, es fielen Worte einer sachlichen Kritik, und Anregungen wurden gegeben.

Die Aktionäre fühlten sich also in ihrem Unternehmen zu Hause. Das aber ist die beste Anerkennung, die man solchen großen Unternehmen geben kann. Auf der Hauptversammlung zeigte sich aber auch, daß man das Gerede von der Selbstherrlichkeit moderner Industriemanager abzubiegen vermag, wenn man sich nur ehrlich um das Vertrauen derjenigen, die das Geld für die Führung und den Aufbau der Werke geben, bemüht. Die Hauptversammlung wäre so auch diesmal wieder – trotz einiger sachlicher Gegensätze – in voller Harmonie verlaufen, wenn nicht zum Schluß durch das Auftreten des Kleinaktionärs Nold noch eine völlig unangebrachte Schärfe in die Diskussion hineingetragen worden wäre. Als die Diskussion sich ins Uferlose auszudehnen drohte, entzog ihm der Vorsitzende das Wort, da die Hauptversammlung den Schluß der Debatte beantragt hatte. An sich ist dies nicht unproblematisch, denn grundsätzlich sollte keinem Aktionär das Recht, zu fragen und Anträge zu begründen, eingeschränkt werden. Die Rechte der Kleinaktionäre missen respektiert werden, einerlei, ob sie törichte oder kluge Fragen stellen.

Nold reagierte allerdings nicht besonders auf den Wortentzug, offensichtlich, weil er seiner Hauptangriff in Verbindung mit der Vertrauensfrage vortragen wollte. Er halte nämlich dem Aufsichtsratsverzeichnis entnommen, daß in ihm ein Vertreter der Commerz-Bank-Bankverein saß; mit diesem Institut aber befindet er sich im Streit wegen einer nicht nur von ihm als zu hoch empfundenen Abfindung an ein Vorstandsmitglied. Er polemisierte deshalb mit Hinweis auf diesen Streit gegen den Aufsichtsrat von Hoechst, in ihm säßen Männer, über deren Eignung er solange im Zweifel sei, ehe sie nicht ganz bestimmte Erklärungen abgegeben hätten. Auch hier entzog ihm der Aufsichtsratsvorsitzende das Wort mit dem Hinweis, daß diese Ausführungen mit den Punkten der Tagesordnung – nämlich der Vertrauensfrage – nichts zu tun hätten. Im Anschluß an die Abstimmung über die Vertrauensfrage, die nahezu hundertprozentig zugunsten der Anträge der Verwaltung ausging, gab Nold Widerspruch zu Protokoll.

Mag auch das Niveau der Auseinandersetzungen manchen Aktionär enttäuscht haben, so waren auf der anderen Seite die Ausführungen Prof. Winnackers zur Geschäftslage für alle Anwesenden höchst befriedigend. Zwar ist im Zusammenhang mit der von den USA ausgehenden Recession der Exportanteil an der Produktion von 32 auf 30 i. H. in den ersten vier Monaten des lautenden Geschäftsjahres zurückgegangen, im Inlandsgeschäft hatte sich jedoch die Recession bisher nicht bemerkbar gemacht. Die bisherige Entwicklung läßt auch für 1958 ein günstiges Ergebnis erwarten. W. R.