o. f., Bergen

Es ist nicht das neueste Kuriosum, daß die sogenannten „Sieben Steinhäuser“ bei Fallingbostel in der Lüneburger Heide nicht sieben sind, sondern nur fünf. Diese Hünengräber wurden vor fast 4000 Jahren auf technisch noch recht rätselhafte Weise aus tonnenschweren Findlingen errichtet. Ihre kulturgeschichtliche Bedeutung wird gern und oft gleichgesetzt mit der der Pyramiden von Gizeh und des Steinrings von Stonehenge in England. Im vorigen Jahrhundert wurden zwei von den sieben noch erhaltenen Hünengräbern ausgeplündert und abgerissen.

Es ist das neueste, aber nicht das spassigste Kuriosum, daß die Niedersachsen sich dieser Tage böse gegen einen Mann wenden, der darauf hingewiesen hat, daß die „Sieben Steinhäuser des Schutzes bedürfen. Des Schutzes vor verirrten Geschossen von den Schießbahnen des größten Panzerübungsplatzes Europas, in dessen Mitte sie liegen. Der Mann, gegen den sich das harte Kesseltreiben richtet, ist der Platzkommandant Oberst von Kessel. Aus eigenem Antrieb hatte er, der erst vier Wochen im Amt war und eigentlich völlig „inkompetent“ ist, auf einer Besprechung mit mehreren Zivilbehörden und Vereinen seine Anregung gegeben, daß etwa; geschehen müsse. Und irgend jemand hatte dann bei den gemeinsamen Überlegungen, wie die Gräber am besten vor Granatsplittern zu schützen seien, von der Möglichkeit einer Verlegung gesprochen – denn es sei heute technisch kein Problem mehr, die bis 35 Tonnen schweren Steine auch anderswo hinzustellen. Beschlossen aber wurde noch nichts.

Die Kunde von dieser Konferenz drang in die Öffentlichkeit. Und der Teufel des Gerüchtes fügte es, daß schon wenig später Nachrichten im Land kursierten, welche besagten, die Bundeswehr habe die „Sieben Steinhäuser“ zerschossen, und Oberst von Kessel habe die Verlegung der Reste angeordnet.

Nicht, daß sich nun die verschiedenen Heimatvereine und Fremdenverkehrsverbände darum gestritten hätten, wohin denn die Sehenswürdigkeiten verlegt werden sollten, oder daß sie den Oberst angerufen und um eine Stellungnahme gebeten hätten. Sie schickten ihm vielmehr Dutzende von Protestresolutionen, in denen sie von den auch für die Bundeswehr geltenden „Geboten der Ehrfurcht vor der Geschichte“ sprachen.

Der niedersächsische Kultusminister, Richard Langeheine, wollte nicht hintenanstehen und kabelte an den Bundesverteidigungsminister Strauß, an den Kommandeur des niedersächsischen Wehrbereichs und an den Schießplatzkommandanten, er verlange sofortige Einstellung des Beschusses durch die Bundeswehr: „Verlegung der ehrwürdigen, im Abendland kulturgeschichtlich einmaligen Denkmäler völlig indiskutabel. Europäische Kulturwelt hat Anrecht auf ungehinderten Zugang zu den ‚Sieben Steinhäusern‘.“

Niemandes Geschosse gingen so an der Sache vorbei, wie die des Kultusministers. Denn nicht die Bundeswehr ist schuld daran, daß Abpraller in die Gräber flogen, sondern ausländische NATO-Truppen, wie denn auch nicht das Bundesverteidigungsministerium, sondern allein die NATO zuständig ist. Eine ebenfalls angeregte, aber praktisch undurchführbare Verlegung der Schießbahnen müßte also zwischen der Bundesregierung und der NATO ausgehandelt werden.