R. S. Bonn, im Juni

Das amtliche Bonn gibt sich heute nicht nur optimistischer als noch in der vorigen Woche: es ist es auch. De Gaulle ist nicht mit Hitler oder Mussolini vergleichbar; er hat die Formen einer parlamentarischen Investitur gewahrt und sich in der zeitlichen wie in der sachlichen Abgrenzung der von ihm geforderten Vollmachten Mäßigung auferlegt. Man sagt sich auch, daß er die wirtschaftlichen und finanziellen Schwierigkeiten seines Landes nicht unterschätzen werde, die nur in Zusammenarbeit mit den befreundeten Mächten überwunden werden können. Von den Krediten, die Frankreich über das Kalenderjahr 1958 hinweghelfen sollten, ist bereits jetzt so viel aufgebraucht, daß die restlichen Mittel im August erschöpft sein dürften. Wenn de Gaulle unter diesen Umständen erklärt, er denke nicht daran, die multilateralen Verträge seines Landes aufzukündigen, so zweifelt niemand in Bonn an der Aufrichtigkeit dieser Zusage. Auch die Ernennung des Botschafters in Bonn, Couve de Murville, zum Außenminister wird als ein Zeichen dafür abgesehen, daß eine radikale Änderung der Pariser Außenpolitik nicht zu befürchten sei.

Kritischer ist schon, wie de Gaulle die Verträge auslegen mag. Nicht nur in Oppositionskreisen kann man in dieser Beziehung Zweifel hören: Wird der General nicht die Ingangsetzung des Gemeinsamen Marktes erschweren? Wird er nicht unter Berufung auf die wirtschaftlichen Schwierigkeiten seines Landes zwar die Vorteile des Gemeinsamen Marktes für Frankreich in Anspruch nehmen, die Lasten aber – zum Beispiel Zollsenkungen und liberalere Kontingentpolitik – zu vermeiden suchen? Könnte der General nicht aus dem NATO-Vertrag unerfüllbare Ansprüche ableiten wollen, etwa wenn er sich auf die angebliche Verteidigung von Interessen der gesamten westlichen Welt beriefe und direkte oder auch nur indirekte (also finanzielle) Hilfe für seinen Kampf in Nordafrika verlangte? Es ist auch noch ungewiß, ob de Gaulle das Prinzip der Gleichberechtigung innerhalb der NATO, nach welchem auch ein deutscher General Kommandeur französischer Truppen sein kann, uneingeschränkt respektieren wird. Hingegen fürchtet man nicht, daß de Gaulle ein Spiel mit Moskau anbahnen könnte, wie es ihm wohl unmittelbar nach Kriegsende vorschwebte. Die internationale Entwicklung hat solchen Reminiszenzen den Boden entzogen.