XXI Wohin rollst du, Globus? – Die Apartheid in der Union – Südwestafrika: Dorniges Paradies

Von A. E. Johann

Aus der Südafrikanischen Union berichtete unser Mitarbeiter A. E. Johann in der vorigen Ausgabe über die sogenannte Apartheids-Politik der jetzigen Regierung, eine Politik, die eine absolute Trennung der Rassen – räumlich, gesellschaftlich und sozial – verwirklicht sehen möchte. Er setzt heute seinen Bericht mit der Schilderung von Beispielen fort, die zeigen, wie schwierig die Arbeit der Kommission ist, die eingesetzt wurde, um in allen Zweifelsfällen die Einwohner der Union „rassisch einzuordnen“. In einem anschließenden Artikel folgen Eindrücke von einem Besuch in dem von der Südafrikanischen Union verwalteten ehemaligen deutschen Schutzgebiet „Südwestafrika“.

Windhuk, Anfang Juni

Unter der Population Registration Act, einer Art Einwohnermeldegesetz, hat jeder nicht zweifelsfreie Weiße sich einer Kommission zu stellen, die ihn „rassisch einordnet“ – ob er nämlich den Weißen, den Coloureds (Mischlingen), den Indern oder den Schwarzen (Bantu) angehört. Die Kommission pflügt durch das Meer von Menschen und zieht ein Kielwasser von menschlichen Tragödien hinter sich her. Ob einer etwas bräunliche Haut, gelocktes oder glattes Haar, braune oder graue Augen und einen europäischen oder malaiischen Gesichtsschnitt hat, das kann für den Aufstieg in die bevorrechtigte Schicht „weiß“ oder den Abstieg in die Schicht minderen Rechts „farbig“ bedeuten. Ob man viele wohlwollende Zeugen oder ob man keine beibringen kann, ob man viele weiße Freunde oder Feinde, viele farbige Helfer oder Hinderer hat, das hat schon manches Lebensschicksal, manches Verlöbnis, manche berufliche Karriere entschieden. Denn wer als „Farbiger“ festgestellt wird, dem sind fortan unzählige Stellungen, der soziale Aufstieg in die weiße Welt, die Gleichberechtigung verschlossen. Er darf das Nachbarmädchen, das für „weiß“ erklärt worden ist, nicht mehr begehren, sonst vergeht er sich nach dem Strafgesetzbuch. Insbesondere in Kapstadt und Umgegend, wo die Mischlingsbevölkerung nach Hunderttausenden zählt, geht die Zahl der tragischen Einzelschicksale ins Endlose.

Da war beispielsweise ein Mädchen, ein unbezweifelbar weißes, aus Europa in die Union eingewandert und verliebte sich – mit dem Ziel der Heirat – in einen Mann, den sie für einen Portugiesen hielt – er war dunkel und schön. Aber der Mann war kein Portugiese; er war ein „Coloured“. Das Mädchen wurde wegen Verbrechens gegen die Immoralitätsgesetze, die jede erotische Beziehung zwischen Farbig und Weiß für eine strafbare Handlung erklären, angeklagt und zu drei Monaten Gefängnis verurteilt.

Ein angesehener Schwarzer in Johannesburg wurde von der Sicherheitspolizei ohne Ankündigung in seinem Hause aufgesucht. Auf Grund eines Haussuchungsbefehls wurde Zimmer für Zimmer durchwühlt, um dokumentarisches Material darüber zu suchen, ob sich der Mann an einer Kampagne beteiligt hat, die den Schwarzen einen Tages-Mindestlohn von einem Pfund (11,70 Mark) sichern will. Um höhere Löhne zu kämpfen – ist das ein Verbrechen oder auch nur ein Vergehen?