Paris, im Juni

Es gibt zwei Schulen von Ärzten, die Frankreich heilen möchten. Die eine, die der Integristen, war der Meinung, daß nur Druck von außen dieses Land auf das richtige Geleis zu drängen vermöge. Die andere Schule jedoch, am konsequentesten von Mendès-France verkörpert, hielt dem entgegen: „Integration ist schön und gut – aber bitte erst, wenn wir selbst bei uns Ordnung gemacht haben. Sonst muß es zu einer Explosion kommen.“ Nun, die Explosion ist da, und das einzige, worauf es jetzt ankommt, ist, ob de Gaulle die aktuellen Probleme Frankreichs meistern kann. Gelingt ihm dies, so ist Frankreich wieder eine feste Größe, die auch in weltpolitische Rechnungen eingesetzt werden kann; gelingt es ihm nicht, so bleibt Frankreich weiterhin ein; Unruheherd mit unkontrollierbaren außenpolitischen Reaktionen.

General de Gaulle hat wie jeder andere neue Regierungschef das Recht auf einen Vertrauenskredit. Seine Treue zur Republik, seine Achtung der legalen Ordnung hat er nun so ausdrücklich beteuert, daß man ihm das – bis zum Beweis des Gegenteils – glauben muß. Daß er als erster Regierungschef der Vierten Republik nicht das gehalten hat, was der Führer des „Freien Frankreich“ während der Kriegsjahre versprach, braucht ihn nicht festzulegen: er kann zugelernt haben, insbesondere über die Bedeutung des Wirtschaftlich-Sozialen, das er damals verächtlich ignorierte. Und eine geschickte Auswahl der Mitarbeiter kann manches ausgleichen. Eines darf man jedoch jetzt schon feststellen: es warten auf de Gaulle Aufgaben, deren Bewältigung fast übermenschliche Fähigkeiten verlangt.

Daß ihm die allererste Aufgabe, die Zähmung der aufständischen „Ultras“ in Algerien und Korsika, zu lösen gelingt, wird kaum bezweifelt. Sobald es jedoch an das gemeinsame Arbeiten der wieder zusammengeführten feindlichen Brüder gehen wird, dürfte kraß zutage treten, wie verschiedenartig die Kräfte sind, welche de Gaulle an die Macht getragen haben. Sie erwarten ganz widersprechende Dinge von dem General, der auf die Dauer um eine Option nicht herumkommen wird – sofern er dann die Wahlfreiheit überhaupt noch besitzt.

Im Mutterland hat ihn vor allem der Wunsch nach Sicherheit, nach der Bewahrung des Status quo an die Macht getragen. Die „Ultras“ in Algerien jedoch erwarten von ihm eine „nationale Revolution“, also einen Umsturz der bestehenden Ordnung; Nicht übersehen werden dürfen aber auch die vereinzelten Kräfte der Linken in Paris, die sich zu de Gaulle bekannt haben, weil sie von ihm eine ganz andere Kehrtwendung in der Politik erhoffen: sie sehen in ihm den einzigen Mann, der den „Ultras“ eine liberalere Algerienpolitik aufzwingen könnte. Genauso uneinig sind die Algerier, die in Militärlastwagen zu den Massenkundgebungen transportiert werden, um dort „Vive de Gaulle!“ zu rufen und sich mit den Weißen zu verbrüdern. Die einen tun es nur gezwungen; die anderen, die mit Frankreich zusammenarbeitende Notabeinschicht, erhoffen von de Gaulle eine Erhaltung des Status quo, um der Rache des Maquis zu entgehen;-eine dritte Gruppe erwartet von dem General ein Eingehen auf ihre Emanzipations- und sogar Unabhängigkeitswünsche. Bei so viel widersprechenden Erwartungen muß es notwendig Enttäuschungen absetzen.

Die größte Wahrscheinlichkeit ist, daß eine so heterogene Koalition die Aktivität der neuen Regierung hemmen wird. Aber nichts wäre bedenklicher, als wenn eine mit so großen Hoffnungen erwartete Regierung auch nichts anderes tun würde als ihre Vorgängerinnen – wenn sie beim System der kleinen Flicklösungen und der rhetorischen Ablenkungsmanöver bliebe. Erst der daraus entstehende Katzenjammer würde Frankreich in jene revolutionäre Situation manövrieren, in der es sich heute, trotz der Vorgänge in Algerien und Korsika, noch nicht befindet. Dies wäre um so gefährlicher, als sich der Regierungsantritt de Gaulles keineswegs im Zeichen nationaler Einheit vollzieht, sondern begleitet ist von einem Neuaufreißen des alten Spaltes.

Wer am 28. Mai auf der alten Aufmarschstraße der französischen Linken zwischen der Place de la Nation und der Place de la République in Paris gut 120 000 bis 150 000 Arbeiter, kleine Beamte und Angestellte, Intellektuelle und politische Kader unter den Rufen „Es lebe die Republik!“ und „Nieder mit de Gaulle!“ in stundenlangem Zug hat vorbeidefilieren sehen, bekam eine Ahnung von dem, was sich da vorbereitet.