Im Vordergrund der Konferenz des Ostblocks in Moskau standen gleich zu Anfang die wirtschaftlichen Fragen. Neben den Parteiführern tagten auch die Wirtschaftsexperten, darunter die Mitglieder des „Komekon-Rates“ für gegenseitige Wirtschaftshilfe, Die Beratungen fanden unter dem Motto einer Intensivierung der Zusammenarbeit auf allen Wirtschaftsgebieten der Ostblock-Länder und einer Abkehr von der bisher praktizierten nationalen Autarkie statt. Wie inoffiziell zu erfahren war, soll sich Chruschtschow über die großen Schwierigkeiten beklagt haben, auf die eine Koordination der Volkswirtschaften des Ostblocks immer noch stößt. Einige dieser Bestrebungen zur Zusammenarbeit sind bereits bekanntgeworden. Sie verdienen auch bei uns stärkere Beachtung.

Auf der Konferenz des „Komekon-Rats“ in Moskau sollte mit der Arbeitsteilung unter den kommunistischen Staaten Ernst gemacht werden. Schon 1949 allerdings war dieses Gremium von Stalin und Molotow als Gegenzug zum Marshallplan aus der Taufe gehoben worden. Aber alsbald versank der „Rat für gegenseitige wirschaftliche Hilfe“ in einen jahrelangen Dornröschenschlaf, bis ihm endlich 1956 eine aktivere Rolle zugedacht wurde.

Lange Zeit beschränkte sich die „Zusammenarbeit“ zwischen Rußland und seinen Satelliten auf einseitige Reparationen, auf russische Beteiligungen an Schlüsselindustrien und auf eine Preispolitik, die dem kommunistischen „Mutterland“ billige Lieferungen aus dem Satellitenblock sicherte. Soweit diese Verpflichtungen erfüllt wurden, war man in Moskau zufrieden und überließ es jedem, nach eigener Fasson Autarkie zu betreiben, wobei überall die Entwicklung de-Schwerindustrie den Vorrang hatte, im kleinen Bulgarien nicht anders als im riesigen Rußland

Wohin dieses Einheitsschema der Autarkie führte, hat Chruschtschow am offenherzigsten in einer Rede in Ungarn schon im vergangenen Jahr skizziert, in der er sich nicht scheute, die „kapitalistischen Erfahrungen“ zu rühmen: „Ungarn, Polen, Rumänien und alle anderen wollen jeder alles bauen und produzieren. Vielleicht nur das kleine Albanien hat nicht diesen Ehrgeiz ... Aber die Produktion lohnt nicht in winzigen Mengen. Die kapitalistischen Experten haben entdeckt, daß nur die Massenproduktion ein Gut billig macht. Auch wir Marxisten müssen dieses Problem sehen. Je eher wir die Arbeitsteilung untereinander lernen, um so besser wird unsere Wirtschaft blühen.“

Trotz dieser Initiative ist die Erfolgsliste einer engeren Zusammenarbeit bisher bescheiden geblieben. Ein Clearingsystem mit der russischen Staatsbank als Clearing-Agenten, soll nun im Laufe dieses Jahres in Kraft treten. Besondere Bemühungen sind bereits auch darauf verwandt worden, einen gemeinsamen Arbeitsplan für Brennstoffe und bestimmte Rohmaterialien auszuarbeiten, darunter ein großes ostdeutsch-polnisches Projekt von zwei Ubertage-Braunkohlengruben mit einer jährlichen Produktion von 25 Mill. t. Jährlich wird Polen an Ostdeutschland sechs Mill. t Braunkohle liefern, das seinerseits für den Ausbau einen zehnjährigen Kredit von 400 Millionen Rubel (100 Millionen Dollar) zur Verfügung stellt. Außer in Kohle soll die Rückzahlung in elektrischem Strom erfolgen. Ähnlich soll die Tschechoslowakei Polen Maschinen im Werte von 250 Millionen Rubel liefern und dafür bis 1965 Kohle erhalten.

Den Bulgaren will Rußland beim Ausbau der Blei- und Zinkproduktion mit Krediten helfen. Im allgemeinen übernimmt jedoch in allen bisherigen Abmachungen Rußland die Rolle des Rohstofflieferanten. Die Lieferungen von Kohle, Koks, Roheisen und Walzstahl an Ostdeutschland sollen um 12 bis 17 v. H. gesteigert werden. Stark erweiterte. Lieferungen Rußlands in Baumwolle, Erdöl, Aluminium und Eisenerz, insbesondere an Ungarn, sind geplant.

Die Arbeitsteilung und Spezialisierung auf dem Maschinensektor die allerdings nicht sehr große Fortschritte gemacht haben soll, geht bereits auf Beschlüsse vom Mai 1956 zurück, damals auf einer Ratssitzung in Berlin gefaßt. Über 600 Maschinentypen wurden in einem Spezialisierungsplan aufgenommen, an dem hauptsächlich die Sowjetunion, die Tschechoslowakei und Ostdeutschland beteiligt waren. Eine Liste von Rohstoffen verteilte gleichzeitig Prioritäten für deren Erzeugung und Ausfuhr. Ungarn erhielt den Auftrag, seine Ausfuhr von Bauxit und Aluminium erheblich zu steigern und soll dafür entsprechend mehr Kohle und Koks von Polen erhalten, das wiederum mit der Tschechoslowakei den Austausch von Walzstahlerzeugnissen intensivieren will.