Wieder einmal hat der BHE – bei seinem Parteitag in Bad Hersfeld – das Thema der „Dritten Kraft“ in die innenpolitische Debatte der Bundesrepublik geworfen. In der Verbindung mit Freien Demokraten und Deutscher Partei sehen die Vertriebenen-Politiker die einzige Hoffnung, den Zug zum Zweiparteiensystem zu bremsen und den Niedergang des eigenen Einflusses noch ein wenig aufzuhalten.

Dieses Wort von der „Dritten Kraft“ ist so etwas wie ein Irrlicht, das nun schon seit vielen Jahren in der deutschen Innenpolitik herumgeistert, aber nie faßbare und gegenständliche Formen annimmt. Schon 1951 haben die „Düsseldorfer“ in der FDP – damals noch geführt von dem inzwischen in der Versenkung verschwundenen Friedrich Middelhauve – die Parole einer „Nationalen Sammlung“ ausgegeben, die alle Kräfte „rechts von der CDU“ zusammenfassen sollte. Was ist daraus geworden? Überhaupt nichts. Heute möchte der BHE die kleinen Gruppen unter einen Hut bringen, aber es hat nicht den Anschein, daß die Idee in den letzten sieben Jahren viel leuchtkräftiger geworden sei.

Manches spricht dafür, daß auch die gegenwärtigen Konzentrationsbemühungen eher zu neuen Spaltungen als zur erstrebten Einheit führen werden. In Schleswig-Holstein ist der Wahlblock BHE – DP bereits gescheitert. Charakteristischer noch sind die Vorgänge in Nordrhein-Westfalen, wo die Landesorganisation des Blocks zwar mit den Deutschparteilern einig geworden ist, aber mehrere große Kreisverbände dem Arrangement ihre Zustimmung versagt und sich auf eigene Faust mit der FDP zusammengetan haben. Der ausgezeichnet organisierte Hessische BHE will von derartigen Kombinationen überhaupt nichts wissen und im Herbst aus eigener Kraft in den neuen Landtag gelangen.

Vielleicht gehören in diesen Zusammenhang auch die Vorgänge im Niedersächsischen Landtag. Dort hat nämlich die 27köpfige Gemeinschaftsfraktion, die der BHE mit den Freien Demokraten bildete, das-Hospitantenverhältnis zu den sechs Abgeordneten der Deutschen Reichspartei, das sie vor sechs Monaten eingegangen war, wieder aufgelöst. Die Affäre hatte damals, im November 1957, das erste Kabinett Hellwege aus CDU, DP, FDP und BHE zum Platzen gebracht.

Vor allem aber bleibt völlig offen, welches Programm eine solche Sammlung eigentlich herausstellen und welche Politik sie verfechten soll. Die Deutsche Partei unterstützt die Bonner Regierung, die Freien Demokraten stehen zu ihr in Opposition, und der BHE weiß offenbar noch nicht recht, wohin er sich wenden soll (die Meinungsverschiedenheiten über die Atomrüstung, die in Bad Hersfeld plötzlich aufbrachen und ein wenig Leben in die sonst recht apathische Versammlung brachten, machten diese Gegensätze für einen Moment sichtbar). Wie soll man das kombinieren? Sowohl der abtretende BHE-Chef von Kessel als auch sein Nachfolger Seiboth, beide eifrige Befürworter der Sammlung, blieben die Antwort auf diese Frage schuldig. Der Wähler aber wird sie wissen wollen.

Schließlich ist eine Partei, und auch eine Parteiengruppierung, immer noch etwas anderes als nur eine Mandatversicherungsgesellschaft auf Gegenseitigkeit. Im Rechenheft mag sich wohl eine respektable Größe ergeben, wenn man mehrere kleine Größen zusammenzählt. In der Politik aber ist die Summe mehrerer Schwächen noch lange keine „Kraft“ – weder eine Dritte noch irgendeine andere. -n