Von Robert Stephens

Der Abfall Korsikas von Paris leitete den zweiten Akt des französischen Dramas ein. Künftige Historiker werden ihn je nach ihrer politischen Überzeugung verschieden beurteilen – entweder als heroische Anstrengung des Abgeordneten Pascal Arrighi, einem faulen Regime den verdienten Fangstoß zu geben, oder aber als finstere Verschwörung aufsässiger Fallschirmjäger gegen die Freiheit. Wahrscheinlich werden beide unrecht haben: Vielleicht war der Umsturz das Werk eines ehrgeizigen Hafenarbeiters aus Ajaccio, der seine schlechten Schulzeugnisse nie verwunden hat, aus gekränkter Intelligenz Putschist wurde und die Revolution schließlich durchführen konnte, weil es sich so fügte, daß der örtliche Para-Kommandeur ein alter Kriegskamerad war. Diese Fußnote zur Zeitgeschichte kann man dem folgenden Bericht des englischen Journalisten R. Stephens entnehmen.

Ajaccio, Anfang Juni

Über Ajaccio mußte das Charterflugzeug, das mich im nächtlichen Wetterleuchten quer über das Mittelmeer von Algier nach Korsika getragen hatte, eine halbe Stunde lang kreisen, ehe es die Landeerlaubnis erhielt. Langsam rollte die Maschine auf dem Landestreifen aus, von dem hastig – und gerade noch rechtzeitig – die Spanischen Reiter und Stacheldrahthindernisse weggeräumt worden waren. Im frühen Morgengrauen sahen wir eine Korporalschaft Fallschirmjäger, die, ihre Maschinenpistolen im Anschlag, das Flugzeug umzingelte.

Die Spannung löste sich, während wir in dem winzigen Flughafenbüro, dem Hauptquartier des Wachkommandos, die Einreiseformalitäten erledigten. Und von da an verschwor sich alles, um denjenigen, die gekommen waren, Zeugen eines todernsten politischen Dramas zu sein, ihre Illusionen zu rauben...

Ein beflissener junger Gefreiter mit Bürstenhaarschnitt, Stupsnase und großen grünen Augen besorgte einen Lastwagen, der uns in die Stadt brachte. Längs der Küstenstraße zischte die Brandung des Mittelländischen Meeres in der Dämmerung wie kochende Milch. Einige führende Mitglieder des Algerischen Wohlfahrtsausschusses waren schon vor uns im Hotel „Imperial“ eingetroffen. Marmorne Napoleonbüsten, Fremdenverkehrsplakate, die zum Besuch der „Iles Sanguinaires“ – der Blutigen Inseln – einluden, und die Notiz, ein durchreisender anglikanischer Kanonikus aus Nizza werde Gottesdienste nach dem Ritus der englischen Hochkirche abhalten, zierten den Empfangsschalter. Es war vier Uhr morgens, aber außer den vier Fallschirmjägern, die sich in der dunklen Hotelhalle aufs Ohr gelegt hatten, schien noch niemand geschlafen zu haben.

Wenig später spazierte ich durch die Stadt hinunter zum Hafen. Zunächst schien es, als hätten die herrenlosen Hunde und Katzen die Straßen ganz allein für sich. Aber dann traf ich in der Mitte der Piazza auf einen einsamen alten Mann. Er trug einen abgetragenen Schlapphut und kehrte mit einem Strauchbesen die losen Blätter von der Kiesfläche. Ich fragte ihn nach dem Namen des Platzes. „De Gaulle-Platz“, sagte er. Er sagte es ohne Begeisterung und mit schiefem Grinsen. Vielleicht war er ein politischer Zyniker; vielleicht sah es aber auch nur wegen des dicken Gerstenkorns an seinem Augenlid so aus, als ob er grinse.