Von Thilo Koch

T. K., Berlin, Anfang Juni

Die Bockwurst nur noch achtzig – die Republik, die macht sich! – In Ostberliner Fleischereien kann man dieser Tage solche und ähnliche „Losungen neuen Typus“ lesen. Dahinter steht eine sehr bedeutsame Reform des Verhältnisses von Preisen und Löhnen. Die Abschaffung der Lebensmittelkarten ist nur der augenfälligste äußere Schritt dazu. Was ist wirklich geschehen? Und was geschieht jetzt weiter?

Wenn die Rationierung eine Maßnahme der Not und des Mangels war, dann kann wohl nach den Gesetzen der Logik nicht auch die Abschaffung der Rationierung eine Maßnahme der Not und des Mangels sein. So wird es aber bei uns gern dargestellt; eine Tatsache, die freilich beweist, wie bedenklich weit in der mechanischen Anti-Propaganda wir es im Kalten Krieg gebracht haben.

Der Blick auf die leeren Läden und die schlechten Autos bot nie ein gutes Argument gegen die Sowjets – gegen die Sowjetrussen wie gegen die Sowjetdeutschen. Die kommunistische Planwirtschaft ist imstande, Sputniks zu erzeugen, ebenso wie die nationalsozialistische Volkswirtschaft imstände war, Autobahnen zu bauen. Damit ist aber nichts Entscheidendes ausgesagt über Wert oder Unwert eines politischen Systems. Das Argument der schlechten Autos und leeren Läden zieht nur insoweit, als darin eine kriegswirtschaftliche Lenkung der Planwirtschaft, eine ideologisierte Ökonomie zum Ausdruck kommt, die die Bedürfnisse des Verbrauchers mißachtet.

Trotz aller Rückschläge werden jedoch die Bedürfnisse der Verbraucher im Sowjetimperium jetzt ernster genommen und von Jahr zu Jahr besser befriedigt. Bei aller Kritik kann man doch überall im Ostblock den schlichten Satz hören: Heute geht es uns besser als gestern! Wenn der Westen die politische Bedeutung dieser Einstellung nicht rechtzeitig und ohne Propaganda-Phrasen zu würdigen lernt, wird ihm ein zweiter Sputnik-Schreck auf dem Gebiete der Verbrauchsgüterindustrie und des Lebensstandards zur Anerkennung der Realitäten zwingen.

Natürlich ist mit der Abschaffung der Lebensmittelkarten in der DDR nicht mit einem Male der Überfluß gekommen. Jeder, der mehr als etwa 800 DM (Ost) im Monat verdient, steht sich sogar merklich schlechter. Aber die Preise sind doch in eine Mitte gerückt, die nun auch dem Durchschnittsverdiener die bisher unerschwingliche HO-Ware in greifbare Nähe rückt.