Dd, Wiesbaden Wer bisher das Flaschenetikett als die Geburtsurkunde des Weines angesehen hat, wird durch die Verhandlung gegen den Rüdesheimer Weingutsbesitzer und Weinhändler Dr. Arnulf Maria Brogsitter vor der Zweiten Strafkammer des Wiesbadener Landgerichts eines Schlechteren belehrt. „Es ist praktisch handelsüblich“, so erklärte der Angeklagte, „einen Wein, wenn er ausgegangen ist, durch einen gleichwertigen zu ersetzen und diesem die Bezeichnung der ausgegangenen Sorte zu verleihen Er sei sich – so sagte der angesehene Inhaber eines der größten Weingüter des Rheingaues mit einem bedeutenden Abnehmerkreis in Bonn und im Ruhrgebiet – „geradezu als ein Edelmann vorgekommen“, weil er wenigstens Mosel als Mosel und Rheingauer als Rheingauer verkauft habe ...

Aus einem einzigen Faß 1949er Rauenthaler Baiken Spätlese hat Dr. Brogsitter, wie ein Auszug aus seinen Kellerbüchern zeigt, nacheinander Flaschenweine mit sieben Bezeichnungen abgefüllt: Rüdesheimer Bischofsberg, Rüdesheimer Berg Platz, Johannisberger Vogelsang, Rüdesheimer Berg Rottland, Rüdesheimer Berg Burgwerg, Rüdesheimer Berg Mühlstein und Rauenthaler Siebenmorgen. Aus einem einzigen Faß Mosel flossen abwechselnd Piesporter, Uerziger, Zeltinger, Graacher und Brauneberger.

Auch mit den Qualitätsbezeichnungen – „Auslese“ und „Spätlese“ ging der Angeklagte nicht gerade sorgfältig um. Dem Gericht erklärte er, er wisse heute, daß einige seiner Spitzenweine diese Bezeichnungen nach dem Weingesetz nicht verdienten, obwohl sie besser als manche wirkliche Spätlese oder Auslese gewesen seien. Er habe indessen das Weingesetz nicht gekannt...

Auch die Staatsanwaltschaft wirft dem Angeklagten, der heute noch Rhein- und Moselweine in alle Welt liefert, nicht vor, etwa gepanscht oder schlechten Wein verkauft zu haben. In diesem Prozeß geht es ausschließlich um den Grundsatz, der Bezeichnungswahrheit – einen Grundsatz, der freilich vom Weingesetz selbst durchbrochen wird. Nach Paragraph 6 dieses; Gesetzes dürfen die Namen von Weinbaugemeinden und bestimmten Weinbergslagen („Sammellagen“) auch auf Weine aus benachbarten und „nahegelegenen“ Gemarkungen angewendet werden.

Diese Ausnahmebestimmung, die zugunsten kleinerer und unbekannterer Gemeinden geschaffen wurde, mag noch hingenommen werden, solange der Wein nur einen Gemarkungs-, aber keinen Lagenamen trägt. Der Verbraucher wird sich nicht getäuscht fühlen, wenn er erfährt, daß ein 1957er Niersteiner in Wirklichkeit aus Schwabsburg bei Nierstein kommt.

Bedenklicher ist schon der aus Schwabsburg stammende „Niersteiner Domtal“. Er ist eigentlich das Ergebnis eines gesetzlich sanktionierten Betruges; denn der weintrinkende Laie nimmt an, daß die Weinbergslage „Domtal“ darum besonders vermerkt sei, weil bei diesem kostbaren Tropfen selbst die Angabe der Gemeinde noch zu ungenau erscheine. Da aber dieser Wein nicht einmal in der Gemeinde Nierstein gewachsen ist, muß die Angabe eines besonderen Niersteiner, Weinberges wirklich als eine Täuschung des Verbrauchers gelten. (Die Lage Donna! ragt in die Schwabsburger. Gemeinde hinein.) Freilich decken auch die sehr bedenklichen Ausnahmebestimmungen. des Weingesetzes die nach Dr. Brogsitters Meinung üblichen Praktiken offenbar nicht.

Der wirkliche Weinkenner trinkt lieber ein saures Gewächs mit einer sauberen Geburtsurkunde, als eine Beerenauslese, die aus einer falsch etikettierten Flasche stammt...