Unter den kommunistischen Ländern Europas verdient Polen unser besonderes Interesse. Seitdem Arbeiter und Studenten dort eine Revolution entfacht haben, verfolgen gerade wir Deutschen alles, was an Neuem in Literatur, Theater und bildender Kunst in Polen geschieht – soweit wir es trotz des Eisernen Vorhangs vermögen. Jerzy Lutowskis Schauspiel „Wir sind mitten in der Operation“ hat in der deutschen Funk- und Fernsehinszenierung viele Freunde gewonnen, und eine vielleicht kleine, aber sehr intensive Gruppe von Menschen beobachtet mit Sorge und Hoffnung die Entwicklung der relativen polnischen „Pressefreiheit“. – Aus diesem Grunde kann auch der kleine Roman von

Jaroslaw Iwaszkiewicz: „Kongreß in Florenz“; Langen-Müller Vlg., München; 125 S., 8,50 DM,

auf unsere Aufmerksamkeit rechnen. Jaroslaw Iwaszkiewicz – so erfährt man im Klappentext – ist ein prominenter Schriftsteller des heutigen Polen. Und es ist gut, daß dies im Klappentext steht, denn aus dem Buch hätte man es nicht vermutet.

Das soll nun zunächst über diese kleine, nicht ohne Anmut geschriebene Geschichte von dem Intellektuellen-Treffen in Florenz in den dreißiger Jahren, an dem drei polnische Literaten teilnehmen, noch nichts Gutes oder Schlechtes sagen. Vielmehr sei damit angemerkt, daß die melancholische Romanze, die sich zwischen einem der polnischen Kongreßteilnehmer, dem Schriftsteller Krasowicz, und gleich zwei Damen anspinnt, genauso im Westen hätte geschrieben werden können. Und daß der leichte Schimmer von Untergang, der über dem Kongreß, über der Verliebtheit des jungen Polen und über ganz Europa liegt, durchaus noch nicht revolutionäre Morgenröte ankündigt.

Man sieht also: ein ganz und gar nicht linientreues Buch, schon deshalb nicht, weil es gerade im Leser eines kommunistisch regierten Landes – das könnte ich mir denken – die Vorstellung erwecken kann: Wieviel schöner als unser Alltag war doch dieses spätbürgerliche Europa, selbst dann noch, als es von der Katastrophe überschattet wurde.

Iwaszkiewicz erzählt mit leisem Humor die Geschichte des jungen Schriftstellers, der die Wahl hat zwischen der häßlichen, scheuen Tochter des italienischen Pensionswirtes und einer reichen Gräfin, die den Intellektuellen-Kongreß „managt“. Diese Dame ist ein Vamp, der Dichter zu sich nimmt wie andere Damen Schlankheits-Tabletten.

Merkwürdigerweise fällt die Wahl des jungen Polen nach einigem Hin und Her auf das Aschenbrödel aus der Pension. Hier glaubt er, durch den häßlichen Schein hindurch, Schönheit, in sich zu entdecken. Zu ihr will er zurück, mit ihr will er leben.