Von René Drommert

Könnten die Maler und Bildhauer früherer Generationen aus ihren Gräbern auferstehen, sie würden, hätten sie die Farbe der Lebenden angenommen, wieder leichenblaß werden: vor Neid. Haben sie nämlich selber oft sehr mühselig, zäh und ausdauernd um Verständnis für ihre Kunst gerungen, so sind ihre bildhauernden und malenden Kollegen der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts weit besser dran. Sie leben in einer Welt des wenigstens dauernd möglichen Verständnisses, der Einfühlung, der Anerkennung oder gar der dithyrambischen Lobpreisung.

Das Banausentum scheint von der Erde weggefegt zu sein, nicht nur in den Reihen der Kunsthändler, Galeriedirektoren, Kunstvereinsleiter und Kritiker, sondern auch bei all jenen, die, da sie etwas auf sich halten, auch auf das halten, was den Stempel öffentlicher Anerkennung gerade eben (und irgendwo) bekommen hat.

Es ist so bezeichnend, daß wir zur Benennung des Neuen, Frischen und Zeitbezogenen keinen anderen Ausdruck haben als „Moderne Kunst“. Das klingt an „Mode“ an, an das, was irgendwo (und fast nie hier) plötzlich gemacht wird. Es ist nicht das, was wächst.

Die Angehörigen früherer Künstlergenerationen würden erblassen, wenn sie sahen, was heute alles anerkannt wird: das Schöne und Maßvolle ebenso wie das Häßliche und Ungebärdige, das Vergeistigte wie die Sinnenfreude, der Realismus wie der Surrealismus, die nüchterne Wirklichkeitsabschilderung wie das Phantasievolle und Phantastische, das Gegenständliche wie das Ungegenständliche, das wenig Abstrahierte wie das Abstrakte, der Konstruktivismus wie der Tachismus, die Bilder aus Leinwand und Farbe wie die Bilder aus Holz, Stein und Kupferplättchen.

Kunstrevolutionen sind unmöglich geworden. Zwar kann man sich Kunstwerke jeglicher Art vorstellen – aber gerade darum keine Revolutionäre vom Schlage Grünewalds, Grecos, Monets, Picassos, Klees. Ein Revolutionär nämlich, der nicht auf erbitterten Widerstand stößt, sondern, im Gegenteil, überall offene Türen einrennt – das wäre nicht nur eine lächerliche, das wäre eine in sich widerspruchsvolle, eine unmögliche Figur.

Gibt es also, was den Kunstliebhaber und den Künstler betrifft, eine maximale Kontaktleistung, während doch als eines der Kriterien unserer Zeit gerade Kontaktarmut genannt wird? Vielleicht ist der Kontakt mit der Kunst, der sich in einem Blankoscheck der Bejahung ausdrückt, gar nicht echt? Vielleicht hat er auch seinen Sinn eingebüßt: das Schöpferische im Menschen zu fördern? Vielleicht sind sogar die beiden Pole „Nichts verstehen“ und „Alles verstehen“ – les extremes se touchent – in ihrer Wirkung gar nicht so sehr verschieden?