O. M. G., Bangkok, Anfang Juni

Zum erstenmal seit zehn Jahren ist die Stellung des burmesischen Ministerpräsidenten U Nu in Gefahr: zwei seiner wichtigsten Mitarbeiter, der stellvertretende Ministerpräsident U Kyaw Nyein und der Verteidungsminister U Ba Swe, haben sich gegen ihn aufgelehnt. U Nu hat sich geweigert, der von diesen beiden Politikern an ihn gerichteten Aufforderung zum Rücktritt nachzukommen. Am 5. Juni 1958 soll nun das Parlament in einer Sondersitzung über seine politische Zukunft entscheiden.

In dem Streit zwischen dem Premier und seinen Widersachern geht es einstweilen nur um rein innenpolitische Angelegenheiten; Burmas neutralistische Außenpolitik wird davon nicht berührt. Aber die Auseinandersetzung hat die herrschende Antifaschistische Völkische Freiheitsliga, deren jüngere Mitglieder auf seiten Kyaw Nyeins stehen, in zwei Gruppen aufgespalten. Vor allem kritisiert der stellvertretende Ministerpräsident Kyaw Nyein, der als Wirtschaftsministerium verwaltet, die Ausgabenpolitik des Ministerpräsidenten. Er wirft ihm vor, Staatsgelder für religiöse Zwecke zum Fenster hinauszuwerfen, obwohl ihn das Kabinett schon 1955 scharf tadelte, als er zwölf Millionen Mark für ein Buddhistenfest ausgab.

In der Tat ist in Burma die Unzufriedenheit über die hohen Preise und die Knappheit an Verbrauchsgütern sehr groß. Kyaw Nyein, ein nüchterner Realist, hat in jüngster Zeit scharf gegen die skandalösen Praktiken bei der Erteilung von Einfuhrlizenzen und gegen die hanebüchenen Schwarzmarktschiebungen durchgegriffen. Seit einem halben Jahr liegt er sich deswegen mit U Nu in den Haaren. Die Krise gipfelte vor drei Wochen in der Entlassung des Innenministers durch den Premier, der selbst diesen Posten und damit die Kontrolle über die Polizei und die Miliz übernahm. Die Miliz, so erklärte er, sei drauf und dran, eine Privatarmee aufsässiger Politiker zu werden. Außerdem schob er den Justizminister, einen Anhänger von U Kyaw Nyein und U Ba Swe, in ein untergeordnetes Ministerium ab und setzte U Tin, einen seiner eigenen politischen Freunde, an dessen Stelle.

Die Antifaschistische Liga hat im Parlament 180 Sitze. Die Opposition – größtenteils Abgeordnete der extrem linksradikalen Allburmesischen Bauernpartei, die sich für den Premier ausgesprochen hat – verfügt über nicht einmal 20 Sitze. Gewiß sind U Nu und seine beiden Hauptwidersacher entschiedene Antikommunisten, doch besteht durchaus die Gefahr, daß sich die Bauernpartei, sollte sich die Antifaschistische Liga bei der Abstimmung am 5. Juni in zwei annähernd gleich starke Fraktionen spalten, ihre Schlüsselstellung zunutze macht, um die Regierung auf einen prokommunistischen Kurs festzulegen.