T"er unsterbliche Schalksnarr aus Kneitlingen, der im 14. Jahrhundert n. Ch zuerst auftaucht und laut Zeitungsberichten auch heute noch fromme Gemüter im holsteinischen Mölln in Wallung zu bringen weiß, hat ebenso viele Jahre vor der Geburt des Herrn einen Vorgänger gehabt. Jüngst entdeckte der bekannte englische Archäologe Seton Lloyd auf dem Ruinenhügel Sultantepe halbwegs zwischen Harran und Urfa eine neuassyrische Tontafelbibliothek, die offenbar einem Priester des Mondgottes Sin gehört hatte. Unter ihren Schätzen fand sich ein 160 Zeilen langer poetischer Text einzigartigen Inhalts: Von O. R. Gurney entziffert und Englische übertragen, bietet er zum ersten Male eine altorientalische Geschichte, die einen possenreißenden Schelm zum Helden hat und voll grotesker Komik ist. Der Text befand sich nach Ausweis eines schon früher bekannten Bruchstücks in der berühmtesten Bücherei der Keilschriftzeit, der ninivitischen Bibliothek Assurbanipals (669—631 v. Chr ) und dürfte aus dem zweiten Jahrtausend stammen.

Die Erzählung spielt in Nippur in die uns sogar ein keilschriftlicher Lageplan erhalten blieb und die lange Jahrhunderte eine Art Vatikan Sumers war. Dort lebte ein armer Kerl, dem es offenbar zwar an Fleiß und damit an irdischen Gütern, nicht aber an Mutterwitz fehlte. Drum saß er trübselig in seinem Hause, starrte auf die leere Speisekammer und gierte nach einem Stück Brot, einemHappenFleisch und einem Schluck Bier "Etwas muß geschehen", entschied er schließlich, ging auf den Markt und verkaufte — gewiß nicht, ohne dies prahlerisch seinen mißgünstigen Nachbarn anzukündigen — seinen letzten Besitz, nämlich sein Obergewand, für das er ein Schaf zu einer solennen Schmauserei einzuhandeln gedachte. Nun, es reichte nur zu einer Ziege, dennoch ist Gimilnischichte) von Stolz geschwellt und fühlt sich in der Lage, Verwandte und Freunde zu einem Festmahl einzuladen. Aber gehört dazu nicht auch eine angemessene Zahl gefüllter Bierkrüge? Die hat er nicht — wer könnte sie ihm stiften? Zu solch ehrenvoller Geste ist gewiß der reiche, keiner Gasterei abgeneigte und offenbar bestechliche Bürgermeister zuständig! Der arme Narr zieht also — vermutlich unter dem jphlen der ganzen Gasse — zum Palast des Präfekten, die störrische Ziege an einem soliden Strick hinter sich her zerrend. Immerhin, Ziege ist Ziege, und der Torwächter, der sie für ein Bestechungsgeschenk hält, läßt unseren Helden ein. Die Ziege mit der Linken festhaltend, mit der erhobenen Rechten elegant grüßend, setzt Gimilninurta zu einer fprmvollendeten Ansprache an, die zu dem schäbigen und äußerst knappen Habit des Redners in skurrilem Gegensatz steht. Das zunächst unwirsche Stadtoberhaupt kann denn auch das Lachen nicht verbeißen, 4ie Sache endet aber doch, ms wie sie enden muß, mit einer recht kühlen Verabschiedung: Ein so reicher Mann — und solche schäbige Gesinnung! Gimilninurta zieht sich fluchend zurück und droht dem Mann der sein Vertrauen so enttäuschte, dreifache Rache an. Wer ist mehr als der Bürgermeister? Natürlich der König — und dieser weilt zur Zeit in der Stadt. Nun, man weiß, wie man sich zu benehmen hat: Der unverdrossene BittsteUer versteht es, sich in den Palast zu schmuggeln. Er küßt den Staub zu Füßen des Herrschers und erbittet treuherzig nichts Geringeres als eine königliche Kalesche: Einen Tag möchte er einen solchen pferdebespannten Prunkwagen zur Verfügung haben. Er sei auch bereit, bei Rückgabe eine volle Mine gutes Gold als Leihgebühr zu zahlen! Der König ist Kummer gewöhnt und stets in Geldnöten — auch das muß der zeitgenössische Leser vor 3000 Jahren als köstlichen Witz empfunden haben. Der König ist daher einem so guten Geschäft nicht abgeneigt. Ohne viel zu fragen, läßt er Gimilninurta das gewünschte Vehikel bereitstellen. Würdevoll im Wagen sitzend und, vermutlich auch auf Pump, neu und gut equipiert, fährt der nun also Verwandelte erneut beim Stadtpräfekten vor und schwatzt, höflichst empfangen, von einem Goldschatz, den er in dem dem Bürgermeister unterstehenden Tempeltresor deponiert habe. Eine lange Gasterei folgt, bei der der Stadtchef schließlich sanft entschläft — und nun inszeniert unser Freund eine Beraubung des (nur in seiner Phantasie bestehenden) Schatzes, weckt dann seinen hohen, aber mit den Gaben des Geistes nicht sonderlich gut ausgestatteten Gastgeber in wohlgespielter Wut, Zwei Minen Gold muß der aus allen Wolken Gefallene überdies auf der Stelle als Ersatz zahlen — eine erhält der König, die zweite darf Gimilninurta als schnellen Verdienst buchen. Hochgemut verläßt der "arme Mann von Nippur" die Bürgermeistervilla, kann es sich aber beim Hinausgehen nicht versagen, dem Türhüter uzurufen, dies sei der erste Akt der versprochenen dreifachen Rache. Und siehe da — sogar der so übel geschundene Herr Präfekt, der es hört, zeigt Humor "und lachte lange Zeit". Ein zweitesmal an den nun Gewarnten heranzukommen, macht schon größere Schwierigkeiten, aber Gimilninurta findet seinen Weg. Neuerdings als Arzt verkleidet und mit kahlgeschorenem Kopf, laßt er sich als berühmter Heilkundiger aus dem benachbarten bin (das damals vielleicht noch Landeshauptstadt war) melden, sagt dem Präfekten auf den Kopf zu, daß er an Schwielen am ganzen Körper leide, und preist ein Geheimmittel an, das freilieh nur in einem völlig abgedunkelten Räume wirke. Der hohe Herr geht prompt auf den Leim urad rühmt seinem Diener gegenüber sogar die scharfsinnige Diagnose des großartigen Doktors. Der Eulenspkgel von Nippur wird in ein dunkles Kabinett komplimentiert, wo er den Präfekten fesselt und ihm flugs eine neue Tracht Prügel verabreicht — nicht ohne sich danach beim Verlassen des Hauses wiederum durch Fluch und Racheschwur zu demaskieren. Nun freilich Ist dem genarrten Bürgermeister das Lachen vergangen! Er ließ sich von nun an zu jeder Zeit bewachen und paßte scharf auf alle Leute auf. Sogar der Schelm Gimilninuna ist am Ende seines Lateins, vielmehr seines Sumerisch. Schließlich dingt er sich einen Helfer, der am verrammelten Tor des Präfekten Lärm schlagen, "Ich bin der Mann mit der Ziege!" rufen und dann schleunigst verschwinden soll, dieweü sich Gimilninurta unter einer nahen Brücke versteckt "Wie erwartet, lauft alles im alarmierten Hause zusammen; der aufgebrachte Hausherr schickt sein ganzes Gesinde auf die Jagd nach dem Tunichtgut — während er vor dem Tor die Suche mit seinen Augen verfolgt. Da schleicht sich Gimilninurta von hinten heran und verprügelt den Präfekten ein drittesmaL Auch in der Welt des alten Vorderasien hat man also gern gelacht und sich an lustigen und deftigen Streichen gefreut. Aber noch etwas anderes ist an der burlesken Dichtung bemerkenswert: Ihre einstigen Leser und Hörer empfanden ganz offenbar die witzigen Situationen und komischen Szenen genauso wie wir — ein Beweis mehr für die noch immer gern bestritterie Tatsache, daß die Menschen der orientalischen Antike uns geistig verwandt und in ihrer innerlichen Haltung nahe waren und daß sich durchaus eine geistige Brücke schlagen läßt vom Zeitalter des an den zwei Strömen und in ihre Geistigkeit.