Ein Versuch, diese Drohung – sei sie nun real oder eingebildet – auszuschalten, ist der Plan der atomwaffenfreien Zone, etwa in der Gestalt des Rapacki-Planes. In Amerika bin ich natürlich oft gefragt worden, was ich aus deutscher Sicht über diesen Plan dächte, und etwa auch wie er sich zur „Göttinger Erklärung“ verhalte. Ich denke, man muß sich dabei stets vor Augen halten, daß der Plan nicht isoliert, sondern nur in seinem möglichen Verhältnis zu sehr viel weitgehenden Plänen – sei es des europäischen Disengagements oder der weltweiten Einschränkung des Besitzes von Atomwaffen – betrachtet werden darf.

Rapacki selbst hat ihn nur als einen ersten Schritt bezeichnet. Man darf aber auch nicht außer acht lassen, daß dieser erste Schritt, der die Sowjetunion von der unmittelbaren Sorge der westdeutschen Atombewaffnung befreien würde, unter Umständen die spätere Neigung der Russen zu weiteren Schritten auch dämpfen könnte. Behalten wir diese weiteren Zusammenhänge im Blick und betrachten wir den Plan zunächst einmal so wie er dasteht, als vorgeschlagene Vereinbarung, die Territorien West- und Ostdeutschlands, Polens und der Tschechoslowakei von Atomwaffen freizuhalten.

Zunächst sei bemerkt, daß unser „Göttinger“ Vorschlag die atomwaffenfreie Zone weder einschließt noch ausschließt. Es sind zwei verschiedene, aber vereinbarte Gedanken. Wir sprachen von Atomwaffen unter einer bestimmten Souveränität, der Plan der atomwaffenfreien Zone spricht von Atomwaffen auf einem bestimmten Territorium. Wir haben nicht vorgeschlagen, daß die Amerikaner ihre Atomwaffen aus Deutschland zurückziehen sollten; ebensowenig haben wir das Gegenteil vorgeschlagen. Diese Zurückhaltung hatte, wenigstens was meine eigene Auffassung angeht, die folgenden Gründe.

Unsere Erklärung enthält auch den Satz: „Wir bekennen uns zur Freiheit, wie sie heute die westliche Welt gegen den Kommunismus vertritt.“ Politisch sind wir ja unter allen Umständen Verbündete des Westens. Wir können jedoch als Deutsche den Westen fragen, wieweit es in seinem Interesse ist, daß wir atomar bewaffnet werden, und wir werden Gründe dafür angeben, warum dies vielleicht nicht in seinem Interesse ist. Diese Gründe können wir mit einer entschiedenen Erklärung darüber verbinden, daß wir die Atomwaffen selbst nicht zu besitzen wünschen. Wir können sie aber nicht mit einer Forderung an unsere Bundesgenossen verbinden, unser Land von den Waffen zu räumen, die sie selbst für erforderlich halten. Nur wenn sie sich selbst davon überzeugen, daß auch diese Räumung, etwa als Gegenleistung gegen eine entsprechende Konzession des Sowjetblocks, ihrem und unserem Interesse dient, kann es mit der Räumung ernst werden. Ich habe bei meinen amerikanischen Gesprächen hinzugefügt, daß dies meiner Überzeugung nach auch in den deutschen Oppositionsparteien die herrschende Ansicht sei.

Ich möchte nun zunächst sagen, worin meines Erachtens der Sinn einer atomwaffenfreien Zone nicht liegen kann. Die Meinung, sie würde einen „zufälligen“ Kriegsausbruch durch technisches Versagen eines Apparats oder psychisches Versagen fahren eines Atomkrieges besser geschützt, wenn sich in ihm keine Atomwaffen befinden, ist auch nur in sehr begrenztem Umfang richtig. Als wir sie in der Göttinger Erklärung vorsichtig aussprachen, stand dahinter der Wunsch, die Atomwaffen überhaupt von kleinen Ländern fernzuhalten; wenn er sich noch erfüllen würde, so würde er wohl die Gefahr für alle kleinen Länder sehr vermindern. Daß wir aber verschont blieben, wenn wir allein inmitten einer atomar aufgerüsteten Umgebung diese Waffen nicht besäßen, ist unwahrscheinlich und von uns nie behauptet worden.

Diese Überlegung müßte dazu führen, die atomwaffenfreie Zone, wenn überhaupt, dann sehr groß zu wünschen. Die Rapacki-Zone erscheint hierfür zu klein; dazu kommt, daß sie beim heutigen technischen Stand (d. h. ehe die weitreichenden Raketen verfügbar sind) militärisch ein großes Opfer der NATO mit einem kleinen Opfer des Ostblocks bezahlt. Man hätte freilich, so scheint mir, Rapacki selbst und den Kreml, der ihn gedeckt hat, beim Wort nehmen können, und den Plan als zwar in der heutigen Gestalt unannehmbar, aber als Ausgangspunkt weiterer Verhandlungen bezeichnen können. Der Weltmeinung hätte man, so scheint mir, die westliche Position damit überzeugender gemacht und dem Verhandlungspartner gegebenenfalls das Neinsagen zugeschoben.

Der Sinn sowohl eines deutschen, eventuell durch Bedingungen eingeschränkten Verzichts wie von Verhandlungen über atomwaffenfreie Gebiete kann meiner Meinung nach nur im politischen Feld liegen und nicht im militärischen. Der politische Sinn wiederum würde ins Gegenteil verkehrt, wenn er nicht in voller Solidarität mit dem Westen gemeint wäre. Es würde sich um ein globales und ein europäisches Ziel handeln. Das globale Ziel wäre, doch der internationalen Vereinbarung gegen das atomare Chaos den Weg zu bahnen Ein Demonstrationsbeispiel dafür, daß kontrollierte Rüstungsbeschränkung wenigstens außerhalb des Territoriums der Weltmächte selbst praktisch glücken kann, sollte dem Westen etwas wert sein. Das europäische Ziel wäre die Auflockerung Osteuropas.

Wir denken in Deutschland dabei mit Recht zunächst an die Wiedervereinigung. Von Amerika aus gesehen verflicht sich das deutsche Problem natürlich eng mit dem der osteuropäischen Länder, die heute russische Satelliten sind. Der Kennansche, von W. Lippman sekundierte Gedanke ist, als Fernziel die Befreiung dieser Länder um den Preis der beiderseitigen Räumung Europas durch die Truppen der Weltmächte anzustreben. Noch ohne mich auf irgendeine bestimmte Gestalt dieser weiteren Schritte festzulegen, habe ich deshalb auf der Pugwash-Konferenz zur Diskussion gestellt, den Rapacki-Plan nur als ein befristetes Abkommen auf zwei Jahre abzuschließen, nach Ablauf welcher Zeit beide Seiten ihre Handlungsfreiheit wiedergewinnen sollten, wenn sie sich bis dahin nicht über weitergehende Schritte würden einigen können. Dieser Vorschlag schien auf beiden Seiten eine sympathische Aufnahme zu finden.