„ICH, General de Gaulle, französischer Soldat und Chef“

Von Franz Wördemann

Es gibt Minuten der Geschichte, da die außergewöhnliche Situation das außergewöhnliche Wort und die ungewöhnliche Geste fordern. Im Leben des Charles André Joseph Marie de Gaulle, Gymnasiallehrerssohn aus der Provinzstadt Lille, kam diese Minute am 18. Juni 1940 um 18.00 Uhr. Damals trat der bis dahin wenig bekannte, noch eben in der Agonie des französischen Zusammenbruchs beförderte Offizier vor die Mikrophone der BBC London, um die Bürde Frankreichs auf sich zu nehmen: „Angesichts der Verwirrung der französischen Seelen, angesichts der Auflösung einer unter die Knechtschaft des Feindes gefallenen Regierung, angesichts der Unmöglichkeit, unsere Institutionen in Gang zu halten, habe ICH, General de Gaulle, französischer Soldat und Chef, das Bewußtsein, im Namen Frankreichs zu sprechen!“

In seinen Erinnerungen über jenen Tag sagt er: „Während die unwiderruflichen Worte verhallten, fühlte ich in mir selber ein Leben zu Ende gehen. In diesem Augenblick war mir die Aufgabe zugefallen, Frankreich zu betreuen. Jetzt ließ ich mich im Alter von 49 Jahren auf ein Abenteuer ein, wie einer, den das Schicksal aus. allen Geleisen herauswirft.“ – Das ist nicht wahr. In Wirklichkeit glaubte Charles de Gaulle an jenem Tag, daß das Schicksal ihn endlich auf jenen Weg gestellt habe, für den er sich sein Leben lang vorbereitet hatte.

Träume vom Ruhm

De Gaulle war nicht irgendein patriotischer Offizier Frankreichs, dem der Zufall die Flucht nach England schenkte und der sich entschied, von dort aus das Feuer des Widerstandes unter seinen Landsleuten zu entfachen; er war ein Mann, der sich in Jahrzehnten selbst zur Größe geschult, hatte, bewußt und unerbittlich, in der Hoffart des auserwählten Geistes. „Ruhm kommt nur zu jenen, die von ihm träumen“, ist eines seiner frühen Worte. Und „La France, la gloire, la grandeur“ sind Worte, die er schon als Kind lernte. Es sind Worte aus der strengen Schule seines Vaters, eines Veteranen des Krieges von 1870, der an einem Jesuitenkolleg Philosophie und Literatur lehrte und seinem Sohn mit dem bitteren Herzen des Geschlagenen eine Vision mit auf den Weg gab, die de Gaulle später beschrieben hat: „La France, Prinzessin der Märchen und Madonna der Wandbilder, einem erhabenen und außergewöhnlichen Schicksal geweiht.“

Charles de Gaulle hat sich früh in die romantische Rolle des Prinzen hineingeträumt, der La France aus ihrem Dornröschenschlaf wecken werde. Seine Kadettenkameraden in St. Cyr nannten den ernsthaften Musterschüler und intelligent ten Streber, der hager durch die Hallen von St. Cyr stakste, spöttisch den „langen Spargel“. Den Kadett de Gaulle focht es nicht an. In strenger Abgeschiedenheit und mit nüchternem Ernst bereitete er sich auf die ersehnte Stunde vor: Offizier der Großen Armee zu werden. Er wurde es – versteht sich – als Lehrgangsbester unter dem besonderen Protektorat des späteren Marschall Pétain, der als greiser Feldmarschall der große Gegenspieler des Musterschülers Charles werden sollte.